In Paris geht die Angst um. Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Edouard Philippe machen sich Sorgen, dass die Franzosen die Europawahlen vom 25. Mai nutzen werden, um die amtierende Regierung abzustrafen. Auf Unterstützung aus dem Elsass darf sie dabei nicht hoffen. Die Rechtsextremisten erzielen hier seit vielen Jahren Rekordergebnisse.

Die Sorge Macrons ist nicht zu trennen von der Bewegung der Gelbwesten, die ihm seit Oktober das Leben schwer macht. Für das Elsass waren am letzten Samstag in Mulhouse noch 300 Demonstranten auf der Strasse. Das ist nicht viel, zeigt aber, dass der Protest zäh ist und trotz anderslautender Prophezeiungen bisher nicht zum Erliegen kommt.

Erst kürzlich ergab eine Umfrage der Zeitschrift «Paris Match», dass 45 Prozent der «gilets jaunes» für die Rechtsaussen-Bewegung Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen, wie die Partei neuerdings heisst, stimmen würden. 13 Prozent unterstützen das linksextreme France insoumise. Eine spezifische Umfrage für das Elsass liegt nicht vor, aber ein Einbruch des RN wäre eine faustdicke Überraschung.

Seit Jahrzehnten zerbrechen sich Politikwissenschaftler vergeblich den Kopf darüber, warum die extreme Rechte im Elsass so stark ist. Tatsächlich ist das kaum nachzuvollziehen. Um die 60'000 Elsässer verdienen ihr Geld als Grenzgänger im nahen Ausland, der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle, ausländische Investoren schaffen Jobs, Strassburg ist Standort des Europaparlaments und die Region versteht sich als Wiege des Humanismus. Vielleicht steckt dahinter die Furcht, das alles zu verlieren – nur dass Angst noch nie ein guter Ratgeber war.

Sorgen bereitet auch die geringe Wahlbeteiligung, die bei den letzten Europawahlen 2015 bei lediglich 42 Prozent lag. Kommt hinzu, dass es diesmal nur nationale und keine regionalen Listen gibt. Das dürfte die Begeisterung für die Wahlen nicht gerade fördern. Immerhin befinden sich drei oder vier Elsässer an aussichtsreichen Positionen auf den Parteilisten. Drei davon sind Frauen, auch das ist ein Lichtblick – zwei Bürgerliche und eine Vertreterin der Rechtspopulisten aus dem Südelsass. Die Zeitung «l'Alsace» räumt zudem dem grünen Urgestein Antoine Waechter Chancen ein, in das Parlament einzuziehen, dessen Mitglied er schon von 1989 bis 1991 war.

In Baden-Württemberg hat man zu einem Trick gegriffen, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Gleichzeitig zu den Europawahlen finden am 25. Mai Kommunalwahlen statt. Die Zeiten, als man aber wegen der Triumphe von Le Pen mit Unverständnis ins Elsass schaute, sind vorbei. Auch die AfD dürfte gute Ergebnisse einfahren.

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