Sprachriff

Auf den Chihuahua gekommen

Ein Chihuahua: Die Sprache ist auf den Hund gekommen.

Ein Chihuahua: Die Sprache ist auf den Hund gekommen.

Das Wort Sprachverhunzung beschreibt den einfachen Umstand, dass die Sprache auf den Hund gekommen ist. Anders gesagt: dass sie vor die Hunde gegangen ist. Hundeliebhaber mögen nun einwenden, das reiche nicht als Zeichen der Disqualifizierung. Ich gebe ihnen recht. Entscheidend ist nämlich, auf welchen Hund sie gekommen ist.

Einst war der Königspudel der Paradehund der deutschen Sprache. Der romantische Dichter E. T. A. Hoffmann liess ihn in einem Roman in Tagebuchform auftreten, und der Philosoph Schopenhauer war überzeugt, dass sein Königspudel Atman klüger war als die meisten Menschen. Auch Dichterfürst Goethe suchte nicht etwa des Dackels, sondern des Pudels Kern.

Und heute? Heute kläfft die Sprache auf allen Kanälen. Oft anonym, fast immer feige japst sie uns aus den sozialen Netzwerken entgegen. Im öffentlichen Raum hingegen mögen wir die Sprache gern niedlich. 

Wir wünschen wildfremden Menschen liebe Grüsse und staffieren selbst Geschäftskorrespondenz mit herzigen Emoticons aus. Was zählt, ist der unbedingte Wille zur Nettigkeit, gerne auch mit einem Dialekt-Schleifchen versehen. «Leuthard hat die Söckli schön», titelte neulich «Blick am Abend», der seine Artikel nach den Kriterien «Super», «Jöö» und «Funny» einteilt.

Ein ängstlicher Kläffer mit Jöö-Effekt: Keine Frage, was wir gerade erleben, ist die
Chihuahua-isierung der Sprache.

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