Manchmal erlitt ich einen wahren Schock, wenn mein Grossonkel jeweils am Nachmittag mit seinem alten Raleigh über den Wettsteinplatz radelte. Wie er sich so zwischen den Autos durchschlängelte ... ich konnte gar nicht hinsehen. Mit seinen 100 Jahren war er ein wenig wackelig unterwegs. Gleichzeitig war ich stolz auf ihn. Wer fährt in seinem Alter überhaupt noch Velo?

Wahrscheinlich mein Vater. Mit 77 turnt er immer noch auf der Leiter herum. Obwohl er seit über zehn Jahren pensioniert wäre, arbeitet er weiter als Maler. Sein Beruf ist irgendwie zu seinem Hobby geworden. Wenn ich ihn frage, was der Unterschied zu früher sei, sagt er: Nach einem Tag sei er heute so müde wie vorher nach einer Woche. Er nimmt es gerne in Kauf.

Ob mein Vater jungen Handwerkern den Job wegschnappt? Nein. Warum sollte er aufhören, wenn ihm das Arbeiten immer noch Spass macht? Übrigens ist er nicht der Einzige der Familie, der als sogenannter 70Plus noch seine Hände schmutzig macht.

Warum ich als knapp 37-Jähriger über das Alter philosophiere? Nicht weil ich mich vor meinem eigenen Ableben fürchte. Im Gegenteil: Als Lachenmeier stehen meine Chancen gut, ein hohes Alter zu erreichen. Schliesslich wurde nicht nur unser wackeliger Velofahrer fast 102 Jahre alt. Acht Grossonkel und -tanten wurden älter als 80. Zwei durften sogar den 90. Geburtstag feiern. Von den 14 Kindern meiner Urgrosseltern sind nur zwei Söhne früh gestorben. Meine Urgrossmutter selbst wurde 88. Und das bei Jahrgang 1879, als eine 65-Jährige im Schnitt noch zehn Jahre zu leben hatte.

Aber das Thema Tod beschäftigt mich in diesen Tagen. In letzter Zeit fällt mir auf, dass eine Sterbewelle auf uns zurollt. Den Anfang machte mein Onkel mütterlicherseits. Bereits mit 67 Jahren musste er sich vergangenen November von dieser Welt verabschieden.

Und seit anfangs 2019 segnet eine prominente Person nach der anderen das Zeitliche. Karl Lagerfeld, Uriella, Bruno Ganz oder Monica Gubser. Mit Schauspieler Jörg Schröder und Schriftsteller Heinrich Wiesner sind auch zwei Leute aus der Region Basel dabei. Zum Glück waren die meisten von ihnen ziemlich alt.

Einer, der weiss, wie man bis ins hohe Alter fit bleibt, ist Helmut Hubacher. Kürzlich verriet mir der 92-Jährige sein Geheimnis: «Weniger fressen und saufen und viel schlafen.» Deshalb blieb er damals als SP-Präsident 98 Prozent der Cüpli-Events fern. Lieber genoss Hubacher zu Hause einen spannenden Krimi. Wohlgemerkt ohne Bier und Chips.

Niemand lebt ewig. Bis auf eine Ausnahme: Frau Fasnacht. Seit dem 14. Jahrhundert hält unsere Stadt sie am Leben. Und wenn es am nächsten Montag wieder heisst: «Morgestraich, vorwärts, marsch», bleibe ich im Bett. Ich habe gehört, man wird alt, wenn man viel schläft.