OMG

Aus dem Loch gekrochen

Der Eingang zu den Beatushöhlen.

Der Eingang zu den Beatushöhlen.

OMG zum Bericht aus der Unterwelt. Zum Autor: Matthias Plattner ist reformierter Pfarrer in Sissach.

Ein wenig angespannt sind wir an einem heissen Juliabend hoch über dem Thunersee einer seltsamen, fremden Gestalt in die Unterwelt gefolgt. Ein bärtiger Mann, schwere Schuhe, ein grosser Filzhut, eine lange, braune Chutte. Zum Glück keine Sense in der Hand, bloss einen langen Hirtenstecken. Sieben Erwachsene und ein Kind sind wir ihm ins Dunkel hinterher, nachdem die Beatushöhlen abends für die Öffentlichkeit geschlossen waren, sämtliche künstlichen Lichter darin gelöscht, das Personal heimgegangen.

Wir bekamen alle eine kleine Laterne mit einer brennenden Kerze in die Hand. Der schwülen Sommerhitze entkommend wurde es mit jedem Schritt ins Dunkle kühler und angenehmer. Bald hatten wir unsere Jacken an. Das Licht aus den Laternen flackerte unstet den Wänden der Höhle entlang, während wir still immer tiefer in diese Unterwelt eindrangen. Man hörte nur unsere Schritte, unser Atmen – und das teils laute Tosen der Wasser unter uns. Ein dreistündiges Abenteuer hatte begonnen.

Zwischendurch durften wir stehenbleiben, verschnaufen, uns auf einen Stein setzen und dann hat die Gestalt zu reden begonnen.

Unser Führer, der Sagenwanderer, ist ein begnadeter Erzähler. Völlig frei, berndeutsch, hat er uns uralte Sagen und Geschichten erzählt. Diese haben uns in Gedanken aus der Höhle hinaus entführt, weit hinweg in vergangene Zeiten und abgelegene Bergtäler, fremde Länder. Für die letzte Erzählung auf dem Rückweg hiess er uns dann – OMG Oh my God - gar unsere Kerzen ausblasen. Eine unglaublich intensive Erfahrung, einige Minuten in wirklich totaler Dunkelheit und Nacht still zu sitzen, der gurgelnden Unterwelt tief unter dem Niederhorn zu lauschen, meine Frau und sieben völlig fremde Menschen um mich zu spüren. Paradox: ein starkes Gefühl von Lebendigkeit und grosse Dankbarkeit, leben zu dürfen, ist zwischen und unter diesen hohen, toten Felsen und Steinen in mir hochgekrochen.

Dann lauschten wir ein letztes Mal den Worten des Sagenwanderers und hofften leise, dass am Ende sein Feuerzeug uns wieder Licht geben könne. Auf den letzten hundertfünfzig Metern Richtung Höhlenausgang wurde es schon wieder wärmer, unsere Jacken versorgten wir wieder. In der Abenddämmerung sind wir aus dem Loch gekrochen, wieder in unsere Welt hinausgetreten, trotz der Dämmerung geblendet. Unten der Thunersee, türkisblau, bereits im Schatten der beginnenden Nacht, vis-à-vis über uns die letzten Sonnenstrahlen an den Hängen, Alpenglühen auf den drei bekanntesten Bergen unserer Heimat.

Ein grossartiger Moment, der sich angefühlt hat wie eine Wiedergeburt nach einem Buss-Gang. Und nochmals das Gefühl: Es ist schön und tut gut, leben zu dürfen, in unserem Land und in dieser Zeit.

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