Auf meiner Weitwanderung vom Laufental ins Tessin durfte ich die Schweiz in ihrer kleinräumigen Vielfalt erleben. Den tiefsten Eindruck hinterliess der Aufenthalt in einem Berghaus im Napfgebiet. Hier hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert: dunkles Holz, Linoleum-Boden, plastifizierte Speisekarten, Aromat-Streuer, schummriges Oberlicht, beige-braune Vorhänge.

Der Restauranttester würde ausrufen und dem Laden ein neues Interieur im angesagten Edelweiss-Stil mit heller Oberbeleuchtung verpassen. Für den Städter, der auf seinen gastronomischen Ausflügen dauerrenovierte und durchdesignte Lokale bevorzugt, wirkt die Bergbeiz wie aus der Zeit gefallen. Hier, weit oberhalb des Mittelland-Breis, ist das nichts Negatives. Es klingt nach Beständigkeit, Gewissheit, sicheren Werten.

Mein Aufenthalt nähert sich dem Höhepunkt, als ab 20 Uhr auf Radio SRF 3 das «Rock Special» läuft. Während ich mein Rindsgulasch mit Polenta verspeise, brettert im Hintergrund eines der besten Live-Alben aller Zeiten: «Alive» der Schminkmasken-Rocker Kiss. In jedem anderen Speiselokal wären die jaulenden Gitarren längst abgedreht worden.

Nicht so hier. Es scheint, als triumphiere das Recht auf Andersartigkeit über das Diktat der Durchhörbarkeit. Doch leider nicht lange. Als Kiss-Schlagzeuger Peter Criss zum mehrminütigen Solo ansetzt, wird es der Chefin zu bunt. «Chasch ja nid lose», raunt sie und stellt auf SRF 1 um.

Schlagzeugsoli gehörten lange zum Standard jedes anständigen Rockkonzerts. Offensichtlich sind auch sie aus der Zeit gefallen. Nicht mal mehr hier, im Siebzigerjahre-Mief dieser traditionsbewussten Bergbeiz, werden sie toleriert.