120 000 Menschen sollen es gewesen sein, die nach dem Ersten Weltkrieg aus Elsass-Lothringen nach Deutschland ausgewiesen wurden. 1918 gehörte die Region wieder zu Frankreich und da wollten die Franzosen sich unsicherer Kantonisten, die im Ruf standen, deutschfreundlich gesinnt zu sein, entledigen. Einige von ihnen landeten in Weil am Rhein.

Charles Tschamber war einer von ihnen. Der Lehrer wurde 1863 im Sundgaudorf Hellfrantzkirch geboren, also acht Jahre bevor das Elsass nach dem Deutsch-französischen Krieg 1871 dem Deutschen Reich angegliedert wurde. Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Colmar erhält er eine Anstellung in der Primarschule von Hüningen, wo er sich auch als Autor historischer Artikel hervortut. Wegen seiner Bekenntnisse zum Deutschen Reich wird er nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Schuldienst entlassen. Im Mai 1919 verlässt er mit seiner Familie über Basel das Elsass und landet in Weil am Rhein.

«Tüchtiger katholischer Lehrer»

Dort klopft der «tüchtige katholische Lehrer zu vorgerückter Nachtstunde an der Studierstube des Weiler Pfarrers an, während eben eine Sitzung für Vertriebenenfürsorge stattfindet», wie der Weiler Pfarrer Schlusser im Evangelischen Gemeindeboten schreibt.

Das Zitat stammt aus der Ausstellung «Leben im Umbruch. Weil in den 1920er Jahren», die derzeit im Museum am Lindenplatz in Weil zu sehen ist. Tschamber lebt einige Monate bei dem Pfarrer, erhält dann Unterkunft bei einem Landwirt und findet schliesslich Arbeit im Basler Staatsarchiv, wo er die Bearbeitung des historischen Grundbuchs übernimmt.

1928 veröffentlicht er die erste Weiler Chronik. Tschamber stirbt 1932, worauf die Stadt ihm ein Ehrengrab widmet und 1955 eine neue Schule nach ihm benennt.

1974 zieht Hellfrantzkirch nach: Die Strasse, die an seinem Geburtshaus vorbeiführt, heisst nun «Rue Charles Tschamber». Noch heute scheint er unvergessen. Zur Vernissage der Weiler Ausstellung kamen fünf Delegationen aus Hellfrantzkirch, darunter der Maire sowie ein Enkel Tschambers.

Nicht der einzige ausgewiesene Elsässer in Weil

Tschamber ist nicht der einzige Elsässer, der in Weil landet. Da ist der Coiffeur Philipp Brossard, der im Dezember 1918 mit seiner Frau und drei Kindern seinen Laden in Hüningen verlassen muss, um einen neuen in Friedlingen zu eröffnen. Sohn Otto trägt zwei Anzüge übereinander, weil man nur wenig Gepäck mitnehmen darf. Der Lokomotivführer Wilhelm Kleyling zieht von Strassburg nach Weil Haltingen.

Neben den bewegenden Elsässer Schicksalen bietet die Ausstellung einen umfassenden, attraktiven Überblick über Weil am Rhein nach Ende des Ersten Weltkriegs.

Leben im Umbruch, Museum am Lindenplatz, Weil am Rhein, bis 21.7.19, Sa 15–18 Uhr, So/Feiertag 14–18 Uhr.

peter.schenk@bzbbasel.ch