Vor einer «zu hohen Nutzungsdichte und -vielfalt» im Matthäusquartier Basel warnte letzte Woche in der bz Heike Oldörp. Als Beispiel nannte die Co-Leiterin des Stadtteilsekretariats Kleinbasel die Claramatte: «Hätten die unterschiedlichen Nutzergruppen mehr Platz, dann würden sie ausweichen. Ist der Platz beschränkt, besteht die Gefahr, dass gewisse Gruppen ganz wegbleiben, beispielsweise Eltern mit Kindern.» Wenn Menschen eng zusammenlebten, dann steige, so Oldörp, das Konfliktpotenzial «automatisch» und die «Art des Zusammenlebens und Tolerierens» drohe zu «kippen».

Dieses Bild vom Dampfkochtopf Kleinbasel widerspricht allen Erkenntnissen jüngerer Stadtforschung. Menschen empfinden Dichte, so wissen wir heute, nicht «automatisch» als negativ. Sonst wären die Wohnungen nicht genau dort am teuersten, wo Basel die höchste Nutzungsdichte und -vielfalt aufweist, nämlich in der Grossbasler Altstadt. Die Dichte von Paris übersteigt jene des Matthäusquartiers um ein Vielfaches. Und dennoch oder gerade deshalb zieht die französische Hauptstadt einheimische Bewohner und Touristen seit Jahrzehnten magisch an.

Andere Beispiele wie Jakarta oder São Paulo zeigen jedoch, dass Dichte allein keine Garantin für Lebensqualität sein kann. Was ist es also, das eine hohe Dichte ermöglicht und sogar lebenswert macht? Menschen mögen es, anderen Menschen zu begegnen. Deshalb gehen sie am Rhein oder in der Stadt flanieren. Sie sind neugierig, vergleichen sich, freuen sich übereinander, messen sich gegenseitig. In dieser Reibung finden sie sich selbst. Und die dichte, vielfältige Stadt bietet da deutlich mehr Stoff als das Dorf oder die Agglomeration. Obwohl es auch da gute Beispiele gibt. Wenn Planerinnen und Planer eine diverse, farbige Palette an Lebensentwürfen zulassen, mit unterschiedlichen Wohnungen, Preisen, Begegnungsorten, öffentlichen Einrichtungen von Shopping über Krippen und Kinos bis zu Pärken, stiften sie damit ein lebendiges Quartier.

Solche Vielfalt ermöglicht (auch finanziell) nur eine hohe Dichte. Diese muss aber in menschenfreundlichem Gewand daher kommen. Zum Beispiel möchten Eltern ihre Kinder toben lassen können, ohne ständig auf lauernde Gefahren des Verkehrs zu achten. Gespräche sollten von Lärm und Gestank unbehelligt möglich sein. Plätze, die Vielfalt zulassen – vom Strassentheater bis zum einfachen Bänkli unter einem Schatten spendenden Baum – helfen, Dichte unbeschwert zu leben. Vom Fahrrad grüsst es sich freundlicher als aus dem geschlossenen Fenster einer verdunkelten Limousine. Quartierläden sind persönlicher als grosse Einkaufszentren.

Es geht hier aber nicht um die Kreation einer Idylle. Stadt muss auch mal dreckig und laut sein. Ihren Reiz entfaltet sie durch Diversität. Menschen sind nicht «automatisch» Egoisten, die um jeden Preis ihre Ellbogen ausfahren. Dichte sozialisiert sie, und sie lassen sich auch Regeln gerne gefallen. Vorausgesetzt, die Dichte belohnt sie mit einer Vielfalt an spannenden Optionen. Das ist die Kunst der Stadtentwicklung: ein Angebot zu schaffen, das auf kleinem Raum unterschiedlichste Lebensentwürfe beheimatet und deren Reibung für ein produktives, überraschendes und lustvolles Zusammenleben nutzt.

Diese Reibung zu vermeiden ist die Strategie des Dorfes mit seinem Abstandsgrün, den Zäunen und dem nachts verstummenden Kirchengeläut. Stadt bedeutet, Dichte positiv zu begegnen und sie in der Gemeinschaft mit gegenseitigem Respekt zu gestalten und zu zelebrieren. Die Claramatte ist ein Teil der urbanen Diversität. Im arbeitsteiligen Zusammenspiel mit anderen Räumen beheimatet sie im Moment vielleicht nur einen Teil der Bevölkerung. Doch gehört es zum Wesen der Stadt, dass auch die Rolle eines Parks sich mit wandelnden Bedürfnissen verändert.