Die Schweiz ist ein Bahnland. Man kann fast jedes Dorf stündlich mit dem öffentlichen Verkehr erreichen. Etwa 5,5 Millionen Menschen benützen täglich die Bahn, den Bus oder das Tram, das wären – wenn man die ausländischen Touristen und Grenzgänger nicht berücksichtigt – rund 70 Prozent der Bevölkerung. Darauf ist die Schweiz mit Recht stolz.

Deutschland hingegen ist ein Autoland. Dort sitzen wichtige Autohersteller wie Daimler, BMW, Audi, Porsche, VW, Opel. Auf den Autobahnen kann man fast überall unbegrenzt schnell fahren, und es gibt Landkreise, in denen man ohne Auto verloren ist. Dennoch sind auch in Deutschland täglich etwa 30 Millionen Personen mit Bahn, Bus, U-Bahn oder Strassenbahn unterwegs, das wären um die 37 Prozent der Bevölkerung, wenn man wiederum die ausländischen Nutzer nicht berücksichtigt.

Doch in der Schweiz benützen anteilsmässig fast doppelt so viele Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel als in Deutschland. Daraus könnte man ableiten, dass Bahn und Bus in der Eidgenossenschaft besonders attraktiv sind. Die SBB, um den wichtigsten Anbieter herauszugreifen, ist aber nur in einem Punkt wirklich besser als die Deutsche Bahn: Sie ist pünktlicher. Die Züge fahren sogar dann auf die Minute genau los, wenn beispielsweise in Basel die Umsteiger aus einem internationalen Anschlusszug noch bis auf den Bahnsteig gelangen – aber eben nicht mehr in den abfahrenden Zug. Die SBB setzt die Pünktlichkeit vor die Kundenfreundlichkeit. Es ist nicht kundenfreundlich, wenn Züge den Passagieren vor der Nase wegfahren, wenn man in vielen Wagen keinen Stromanschluss für den Laptop vorfindet, wenn in den Zügen keine Zeitungen erhältlich sind oder wenn Speisewagen zwar mitgeführt, aber nicht bedient werden. In all den Punkten ist die Deutsche Bahn besser.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn in Deutschland ein ICE immer wieder verspätet ankommt, nur weil ein vorausfahrender Zug im Rückstand ist, weil es geschneit hat, weil es zu einer technischen Störung kam oder wegen Bauarbeiten auf der Strecke. Wie der «Spiegel» eben errechnet hat, sind regelmässig 21,5 Prozent der Fernzüge verspätet. Bezogen auf sämtliche Züge machen die Verspätungen täglich 8000 Stunden aus. Da könnte die Deutsche Bahn bei der SBB einiges abgucken. Aber Pünktlichkeit ist nicht alles. Eine Bahn muss in allen Bereichen kundenfreundlich sein. Und sie muss dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft, die Reisenden rasch und umfassend informieren. Das kriegen beide Unternehmen, SBB und Deutsche Bahn, noch nicht auf der Reihe.

Bei allem Stolz auf den neu eröffneten Gotthardtunnel darf die SBB den Alltag nicht vergessen. Sie muss auch da zur besten Bahn überhaupt werden. Zufällig könnten just zwei Baselbieter an der SBB-Spitze mitwirken, damit dies Wirklichkeit wird: Die 54-jährige Pharmazeutin und SBB-Kommunikationschefin Kathrin Amacker, aufgewachsen in Allschwil und zu Hause in Binningen, und der 55-jährige Jurist und SBB-Konzernchef Andreas Meyer, aufgewachsen in Birsfelden. Sie sind gefordert.