Es gibt wohl keinen paradoxeren Begriff als jener der «sozialen Medien». Denn keine der bekannten Plattformen ist wirklich sozial und öffentlich oder wenigstens durch die Nutzerinnen und Nutzer kontrolliert – weder Twitter noch Facebook, weder Youtube noch Instagram. Sie alle sind kommerziell. Eigentlich sollten sie «asoziale Medien» heissen. Denn sie sind durch Algorithmen gesteuert. Dahinter stehen Besitzer, die im Dienste der Börsenkurse handeln. Selbst wer sich über Whatsapp austauscht, gibt persönliche Daten zur Verwertung preis.

Aus diesem Grund können internetbasierte Medien höchstens dem privaten Austausch und der Unterhaltung dienen. Sie eignen sich aber nicht als Diskussionsforen der Demokratie, auch wenn sie dafür auf den ersten Blick wie geschaffen scheinen. Solange «das Internet» sich nur um das beste Restaurant oder die schönste Schönheitskönigin streitet, bleiben Schaden und Nutzen überblickbar. Vollends unzulänglich sind die «asozialen Medien» jedoch zur Beratung öffentlicher Angelegenheiten. Denn in Internet-Foren gilt der undemokratische Grundsatz: Recht hat, wer am lautesten schreit. Wobei das Schreien sich aus einer Mischung von polarisierenden Argumenten mit wirtschaftlicher Potenz (etwa zur Schaltung von Online-Werbung) zusammensetzt.

Naiv wäre es jedoch, das Internet als Kommunikationsplattform zu öffentlichen Fragen zu ignorieren. Zu beliebt, zu weit verbreitet und zu einfach zu bedienen ist die Technologie. Was kann also eine Stadt wie Basel tun, um dem Höllenschlund der Polarisierung durch «asoziale Medien» ein Schnippchen zu schlagen, ohne hinterwäldlerisch die Zeichen der Zeit ausser Acht zu lassen?

Der verstorbene Weltenbummler und Journalist Roger Willemsen wies einen Weg, als er vor einigen Jahren an einem Vortrag in Basel sagte: «Städte bestehen in ihrem Kern nicht aus Architektur, nicht aus Logistik alleine, nicht aus Infrastruktur, aus der Versammlung von Kunstdenkmälern, so erfreulich diese sind. Im Kern besteht eine Stadt aus Erfahrungen. Sie besteht aus allen Erfahrungen, die ihre Bürgerinnen und Bürger in dieser Stadt machen. Sie besteht aus den Erinnerungen, die sie hier versammeln, an Dinge, die gewesen sind oder immer noch sind oder in Zukunft wieder so sein mögen.»

Wenn die Stadt aus Erfahrungen und Erinnerungen besteht, nährt sich die Gegenmacht zu den «asozialen Medien» aus dem Teilen von Erfahrungen im realen Alltag, auf der Strasse und in der Beiz, in Vereinen und bei der Arbeit, aber auch an speziellen Anlässen, im Stadion, an Festen, im Theater, in Museen, an Demonstrationen und Diskussionen auf Plätzen und in Sälen. Basel ist reich an solchen Begegnungsmöglichkeiten. Diese machen die Stärke der Stadt aus. Wir können nicht genug in diesen Gegenzauber investieren, sei es in Bildung, Sport und Politik oder mit der Pflege von Brauchtum und Kultur.

Je mehr die «asozialen Medien» unseren Alltag zu durchdringen suchen, umso wichtiger wird die reale, sozial und wirtschaftlich produktive Stadt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist beispielsweise der anstehende Bau des neuen Naturhistorischen Museums und des Staatsarchivs im St. Johann ein Manifest gegen die drohende Auslieferung unserer Öffentlichkeit an die «virtuelle Realität». Ein Begriff, der im Übrigen das private Refugium einiger kalifornischer Milliardäre treffender auf den Punkt bringt, als der Euphemismus namens «soziale Medien».

*Der Autor ist in Liestal aufgewachsen und lebt in Basel. Er ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.