Als wir kürzlich mit unseren Vermietern davon redeten, dass sich im Bad Schimmel festgesetzt hat und es darum bei Gelegenheit saniert werden sollte, kam vier Tage später die Kündigung, nach 15 Jahren in Frieden und mit gutem Kontakt. Ich habe schlaflose Nächte, verstehe die Welt nicht mehr! Dass wir zügeln müssen, ist die eine Sache, irgendwie werden wir sie bewältigen. Was ich nicht bewältige, ist diese Enttäuschung: x-mal bekamen wir die Bestätigung, wie gut wir es miteinander haben, wir fühlten uns anerkannt, haben uns gegenseitig geschätzt, es gab nicht das geringste Anzeichen einer Unzufriedenheit. Oder jedenfalls sah ich keines. Zwar besteht zwischen uns und unseren Vermietern ein beträchtliches finanzielles, bildungsmässiges und entsprechend soziales Gefälle. Aber bis anhin dachte ich, dass das keine Rolle spiele. Können Sie mir sagen, was in solchen Menschen vorgeht? Oder besser, wie ich das verstehen soll?

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Sie sind nicht zu beneiden in ihrer Situation, nebst dem Zügeln auch noch eine schwere Enttäuschung bewältigen zu müssen. Sie befürchten, nicht einmal ihrer eigenen Wahrnehmung trauen zu können – und das zieht ihnen den Boden unter den Füssen weg. Ja: Wem sollen Sie dann noch trauen?

Auch wenn man in so einem Moment nicht viel über die Motive des andern weiss, hat man gerade wegen dieser Unsicherheit das Bedürfnis, die eigene Welt wieder in Ordnung zu rücken. Ohne das Gespräch mit dem Gegenüber kommen Sie aber nicht zu einem klareren Verständnis. Mit etwas Fantasieren können Sie sich zwar ein Bild machen, aber es bleibt halt immer noch Ihr Bild.

Sie stellen sich sicher die Frage, warum Sie zuvor nichts bemerkt haben. Die Kündigung kam unerwartet nach einer Reklamation oder einem Wunsch. Es ist anzunehmen, dass sich bei den Vermietern etwas angestaut hat, was sie ihnen nie mitgeteilt haben. Ob sich die Vermieter nichts zu sagen getrauten, weil sie ihnen überlegen erschienen? Ob es etwas mit ihrer sozialen Stellung zu tun hat?

Ob vielleicht schon länger vage etwas durchschimmerte, aber nicht ansprechbar war, weil sie nie einen Grund zu konkreten Reklamationen abgaben? Oder ganz anders: War es vielleicht eine Affekthandlung aus einem ganz anderen Grund, und ihre Wahrnehmung war bis zu diesem Moment völlig richtig, ist gar nicht infrage zu stellen?

Ich kann die Enttäuschung leicht nachvollziehen. Sie haben sich (wenigstens im Nachhinein gesehen) getäuscht, ihre Vorstellungen von jemandem haben sich nicht erfüllt. Ihr Vertrauen in einen guten Kontakt erwies sich als Täuschung. Dass sie sich kritisch hinterfragen, verstehe ich gut: Sie hoffen, etwas über sich zu lernen. Was könnten sie wohl übersehen haben und vor allem, aus welchen Motiven? Ein gewisser Neid der Vermieter könnte bei der Kündigung durchaus eine Rolle gespielt haben.

Vielleicht wollten sie vorher nichts davon wahrnehmen, lieber eine heile Welt aufrechterhalten. Hätten sie sich damit auseinandersetzen müssen, wäre das Wohnen wohl schwieriger und distanzierter geworden.

Ein ganz anderer Ansatzpunkt: Es könnte auch sein, dass diese bittere Enttäuschung mehr mit ihrer eigenen Geschichte zu tun hat als mit ihren Vermietern und eine frühere Erfahrung wiederholt, die sich tief in ihr Inneres eingegraben hat. Wenn sie da einen Zusammenhang ahnen, ist es natürlich interessant, ihm nachzuspüren.