Dorfmuseen sind glorifizierte Gerümpelkammern

Museen sollen dort stehen, wo sich Geschichte ereignet. Ein Haus mit altem Plunder zu füllen, schafft noch keine Historie.

Ich bin Historiker. Und als solcher ist es mein Fluch, dass – egal in welchem gottverlassenen Nest ich mich zufällig aufhalte – mich irgendjemand ins Museum schleppen will. «Das interessiert Dich doch!» Und dann darf ich mir den Turnschlappen des Rekordtorschützen des FC Dynamo Hinterbüpfligen anschauen, den Stift, mit dem die Gemeindefusion zwischen Dötschlibach und Klein-Schwesterlischmuserwil unterzeichnet wurde. Wenn man ein Haus mit altem, lokalem Gerümpel vollstopft, erhält man kein Museum, sondern eine Brockenstube.

Liebe Leute, Museen gehören an Orte, an denen sich Wichtiges ereignete oder ereignet. Wenn ihr nicht das Glück habt, dass euer kümmerlicher Marktflecken zufällig auf den Ruinen einer Römerstadt steht, dann lasst das Kuratorenspielen bleiben. Ihr braucht kein Museum.

Noch schlimmer wird es, wenn der Dorfarzt ein paar Bilder gesammelt hat und sich das Kaff als Kunstmetropole gerieren will. Oder wenn der aus revolutionärem Übereifer von der Weltstadt abgefallene Landkanton meint, er müsse sich ein Kunsthaus zulegen. Das dann entwaffnend ehrlich betitelte Publikationen herausgibt wie «sehr sehr dünne suppe».

Oder noch offenherziger: «The Art of Failure». Nun mag man mir entgegenhalten, die Fondation Beyeler stehe ja auch in Riehen und nicht in Basel. Richtig. Nur weiss das ausserhalb von Riehen niemand. Kein Tourist hat je gesagt, er gehe nach Riehen. Er geht nach Basel. Und dort in die Fondation in diesem Vorort da.

Wer ins Museum will, begebe sich in die Stadt; Born der Weisheit, Busen der Kultur und Quell der Geschichte. Oder meinetwegen in ein Spartenmuseum wie jenes für justizkonforme Mord-
instrumente in Sissach.

Da kann man sich auch einen Strick aussuchen, wenn man zuvor gezwungen wurde, sich im Dorfmuseum Bämbel den kulturellen Horizont von Seidenbändelwebern vor Augen führen zu lassen. Bukolisch-agrarische Sozialgeschichte ist schlecht für das Gehirn und kann schlimme Folgen haben. Zum Beispiel, dass man meint, das eigene Kaff, das man aus unerfindlichen Gründen als Nabel der Welt betrachtet, habe irgendeine historische Bedeutung.

Ein Dorfmuseum ist ein Bollwerk gegen das Vergessen

Die Qualität der einzelnen Institutionen mag schwanken. Aber Museen auf dem Land helfen überall mit, die Geschichte zu bewahren.

Ganz unbefangen bin ich in dieser Angelegenheit zugegebenermassen nicht. Seit vier Jahren gehöre ich dem Vorstand eines Regionalmuseums im Baselbiet an. In dieser Zeit ist mir mehr als einmal klar geworden, dass es derartige Einrichtungen unbedingt braucht.

Auch wenn die Qualität von Ort zu Ort unterschiedlich ist, sind Dorfmuseen überall Bollwerke gegen das Vergessen. Sie sorgen dafür, dass die Geschichte einer Gemeinde, einer Region für künftige Generationen bewahrt wird. Interessierte können bei einem Besuch im Museum erfahren, wie ihre Vorfahren einst lebten, arbeiteten und ihre Freizeit verbrachten. In jedem Gebiet, sei es noch so klein, haben sich Geschehnisse ereignet, die es sich lohnt, für die Nachwelt aufzubereiten. Für die Gegend, die sie behandeln, sind Ortsmuseen deshalb von unschätzbarem Wert.

Ein überschaubares Dorfmuseum hat genauso seine Berechtigung wie ein Riesenmuseum in Basel. Im Gegensatz zu den hochsubventionierten Häusern in der Stadt haben viele Museen auf dem Land jedoch permanent mit Existenzproblemen zu kämpfen. Zwar werden sie nicht selten von der Gemeinde unterstützt. Diese Beiträge reichen aber in den allerseltensten Fällen aus, um einen professionellen Betrieb zu ermöglichen. So beruht die Führung von Ortsmuseen, wie in der ganzen Schweiz, auch im Baselbiet auf Freiwilligenarbeit.

Verteilt über den ganzen Kanton engagieren sich Menschen unentgeltlich für ihre Dorfmuseen. Für Gotteslohn erarbeiten sie neue Ausstellungen, veranstalten Führungen und opfern ihre Sonntagnachmittage, um im Museum zu stehen. Ihrer Tätigkeit die Daseinsberechtigung abzusprechen und ins Lächerliche zu ziehen, ist nicht statthaft. Vielmehr wäre es an der Zeit, die Arbeit der ehrenamtlichen Museumsmacher mehr zu würdigen.

Dazu gehören auch stärkere finanzielle Hilfeleistungen durch die öffentliche Hand. Denn zweifellos besteht in der Gestaltung vieler Baselbieter Dorfmuseen Luft nach oben. Dass dem bald nicht mehr so ist, wünsche ich mir. Übrigens auch als Historiker.