Während eines Besuchs in Kopenhagen, einer Stadt, die ich nicht nur Sören Kierkegaard wegen überaus schätze, fuhr ich mit der führerlosen U-Bahn nach Ørestad, einem städtebaulichen Planprojekt, das 2030 fertig sein soll. Ein kräftiger frischer Meerwind blies die Menschen zum Eingang einer Mega-Shopping-Mall mit Cinema und allem Drum und Dran.

Windzerzaust und in Vorfreude auf einen Imbiss mit Kaffee betrat ich die Mall und streifte an kulinarischen Erlebniswelten mit Namen wie «Machos», «Bøfhus», «mediterranean kitchen», «the american», «Milano» vorbei – bis ich dann im «Mammamia» ziemlich erschöpft in ein Sofa sank und einen Cappuccino bestellte.

Was ist da gerade mit mir passiert?
Das Spektrum an Möglichkeiten liess mir bis zuletzt die Wahl. Lust auf Pommes? Oder doch lieber eine südindische Curryspezialität? Oder einfach Pasta? Oder das allerneuste Proteingetränk?

Alles kein Problem. Ich konnte es mir jeden Augenblick noch anders überlegen, ich musste mich nicht im Voraus festlegen, fast alles war ja da.

Der Mammamia-Cappuccino schmeckte köstlich und regte meine Gedanken an. Ist, überlegte ich mir, ist das Verlangen nach möglichst vielen Konsumoptionen vielleicht Ausdruck der Sehnsucht, das Leben aus dem Leben heraus zu leben und nicht lebensplanerisch zu verbauen? Ausdruck der Sehnsucht nach dem Offenen und Ungeplanten?

Steckt also hinter der Vermeidung von Alternativ- losigkeit, von «Keine Auswahl haben» und «Sich-Festlegen-Müssen» womöglich die Angst, sein Leben zu verpassen, indem man es in starre, eindimensionale Bahnen lenkt?

Oder ist die Multioptionalität deshalb so attraktiv, weil sie uns einen Ersatz bietet für das, was uns sonst im Leben fehlt: Spielraum, Perspektive, Horizont?

Wenn unser Leben wie am Schnürchen läuft, wenn unser Leben sozusagen vollautomatisiert und ganz von selbst abläuft, ist es für uns ein Trost und ein Genuss, in eine Mega-Mall einzutauchen und uns zwischen 1001 Angeboten für einen Imbiss entscheiden zu dürfen.
Wie auch immer: Beim Besuch der Konsumwelten wollen wir nicht nur finden, was wir schon kennen, sondern etwas erleben und entdecken, was unser Wünschen weiterbringt, was unser Wünschen vielleicht sogar verändert.

Es kann sich also nicht darum handeln, mit säuerlicher Miene die von der Warenwelt geweckten, «künstlichen Bedürfnisse» anzuprangern. Denn künstlich sind eigentlich alle Bedürfnisse, die nicht vor, sondern an ihrer möglichen Befriedigung erwachen, also alle kulturellen, human-humanisierenden Bedürfnisse. «L’appétit vient en mangeant» – das gilt gerade hier.

Es kann sich nur darum handeln, sich früher oder später die Frage und der Frage zu stellen: Wollen wir mehr oder weniger Produkte – oder wollen wir mehr als Produkte? Gerade angesichts der besorgniserregenden Vermarktung des Menschen und Verunmenschlichung des Marktes kann es sich letztlich nur um die Frage handeln: Wollen wir einen Markt, der die existenzielle Sinnbildung unterstützt, oder wollen wir einen Markt, der sie ersetzt? Diese Frage aber entscheidet nicht der Markt, sondern der Mensch.

Der Cappuccino im «Mammamia» in der Shopping Mall in Ørestad wirkte jedenfalls ungemein unterstützend beim Verfassen einer Kolumne.