Die Reformation hat die Welt verändert, keine Frage. Natürlich, man kann da Tausenderlei in Grund und Boden kritisieren. Ich möchte heute aber nur Positives sehen und als einfacher Katholik danken für ein paar schöne Dinge, welche die Reformation bewirkt hat.

  • Dank der Reformation haben wir im christlichen Abendland gelernt, dass es mehr als eine grundsätzliche christliche Wahrheit geben kann. Schon immer war die Kirche eine Wiese mit vielen bunten Blumen, und mit der Reformation wurde dieses «duale System» bei uns zum ersten Mal sozusagen zur Struktur erhoben. Danke!
  • Als Kirchen haben wir (zugegeben: begleitet von Mühe und Streit) gelernt, voneinander zu lernen. Für die katholische Kirche war die Reformation ein veritabler Entwicklungstreiber. In vielen Bereichen wurden diese Herausforderungen angenommen, mal früher, mal später. Danke!
  • Die Wichtigkeit der Schrift, dieser Kernpunkt von Martin Luthers Lehre, hat den Zugang zum Lesen für alle Menschen geöffnet, was wiederum das Zeitalter der Aufklärung erst möglich machte. Danke!
  • Die Verwendung der deutschen Sprache im Gottesdienst war ein Anstoss, der später in der katholischen Liturgie-Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils nachvollzogen wurde. Danke!
  • Die Reformation hat den Menschen direkt vor Gott gestellt. Priester und die Institution Kirche entwickelten sich von einer unverzichtbaren Brücke zu Gott, zu «Wegweisern» für meinen eigenen Glauben. «Viele Wege führen nach Rom» ist ein wunderbares Sprichwort, das (ausgerechnet!) auf dem reformierten Gedankengut beruht. Danke!
  • Die persönliche Verantwortung der einzelnen Gläubigen und das katholische soziale Gewissen prägen unser Wertesystem: In gemischt-konfessionellen Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder den Niederlanden engagieren sich am meisten Menschen zum Beispiel für Menschenrechtsfragen. Danke!
  • Der Mensch, der als Einzelner vor Gott im Fokus des Glaubens steht: Das ist der Same zum heute unverzichtbaren und unveräusserlichen Wert des Individuums. Danke!
  • Das «allgemeine Priestertum» hat Frauen und Männer theologisch gleichwertig gemacht. Bis zur ersten Pfarrerin hat es zwar im deutschsprachigen Raum dann noch ganze 450 Jahre gedauert, doch war es auch ein Anstoss für die feministische Theologie, welche in katholischen Universitäten geboren wurde. Danke!
  • Manchmal wächst eine Frucht auch mehrfach «um die Ecke»: Damit die Basler Fasnacht in der heutigen Form existiert, brauchte es erst ein Fasnachtsverbot durch die reformierten Autoritäten. Erst so konnte sich der unbeugsame Basler Fasnachtsgeist neue Wege bahnen – den Morgestraich und die «Sujet-Fasnacht» haben wir letztlich dem reformierten Fasnachtsverbot zu verdanken. Danke!

Wir sind also reformierter, als wir denken. Auch wir Katholiken. Auch ich. Und damit komme ich zu meinem letzten Dank: Nie merke ich stärker, wie katholisch ich bin, als wenn ich mit reformierten Kollegen zusammen arbeite. Denn wir alle sind auch katholischer, als wir denken – OMG!