Innensicht

Darf man sich nicht mehr ärgern?

(Symbolbild)

«Darf man sich nicht mehr ärgern?»

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«Innensicht» wird betreut vom «Verband der PsychotherapeutInnen beider Basel», VPB (www.psychotherapie-bsbl.ch). Stellen Sie Ihre Fragen an innensicht@bzbasel.ch

«Als ich kürzlich im Süden in den Ferien war, regte ich mich ein paar Mal furchtbar auf. Vor allem über die Leute, die einem immer im Weg herumstehen und keinen Platz machen, sondern alles blockieren, wenn man beispielsweise mit grossen Koffern aus dem Bus steigen will. Als ich aber meinen Ärger einfach hinauslassen wollte, bekam ich Streit mit meiner Frau. Sie fand, ich hätte ein Problem und müsse an mir arbeiten. Darf man sich nicht mehr ärgern?»

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Sie trafen in Ihren Ferien – sowohl mit anderen Leuten als auch mit Ihrer Frau – immer wieder auf das lästige, störende, aber grundsätzlich auch wichtige Gefühl des Ärgers. Der hilft uns ja in seiner ganzen Negativität dabei, uns in sozialen Räumen zu bewegen. Ärger zeigt an, wo unsere Grenzen liegen, psychische wie physische, und meldet sich dann, wenn es für uns wichtig ist, unseren Bewegungsraum zu sichern. Er zeigt an, wann es aus unserer Sicht angezeigt ist, uns zu behaupten. Das ist natürlich gerade überall dort, wo es eng wird, ein Thema.

Das Verhalten im öffentlichen Raum ist kulturell sehr unterschiedlich. Während etwa in England an Bushaltestellen eine geordnete Schlange gebildet wird und die Anstehenden geduldig warten, bis sie mit Einsteigen an der Reihe sind, gibt es in Frankreich oder Italien oft ein Gedränge vor der Türe des ankommenden Busses.

Solange alle das Gleiche machen, funktioniert das System meist gut. Erst wenn verschiedene Verhaltensweisen aufeinandertreffen, kommt es zu Schwierigkeiten. Und genau das passiert bei Reisen ins Ausland, wo es auf einmal schwierig wird, mit dem uns fremd und unpassend erscheinenden Verhalten der Einheimischen umzugehen.

Ärger dient auch zum Selbstschutz

Neben kulturellen Unterschieden gibt es auch eine ganz individuelle, charakterlich geprägte Art, wie man Gedränge und anderen sozialen Konfliktsituationen begegnet. Nicht alle reagieren gleich schnell mit Ärger. Auch Ihre Frau hat sich offenbar über das Gedränge nicht geärgert, obwohl sie es ebenfalls hätte tun können. Wie geht sie denn mit solchen Situationen um? Das wäre spannend zu erfahren.

Manchmal eignet man sich das Ärgern als eine Art Standardreaktion an, weil es verhindern hilft, dass man sich in heiklen Situationen ohnmächtig, ausgeliefert, bedroht oder in einer anderen unangenehmen Gefühlslage wiederfindet. Dies wird Abwehrreaktion genannt und ist für das eigene psychische Gleichgewicht vorerst sehr angenehm. Allerdings geht mit dem Ärger das verdrängte Gefühl nicht einfach weg, sondern rumort irgendwo im Untergrund. Und das Ärgern selbst setzt einen noch zusätzlich unter Spannung. Aktuell wird diese vielleicht nicht wirklich wahrgenommen, kann aber durchaus längerfristige Auswirkungen haben, auch körperliche, wie etwa zu hohen Blutdruck. Und nicht selten belastet eine ständige Tendenz, mit Ärger zu reagieren, auch die Beziehungen.

Erleben Sie denn selbst Ihren Ärger auch als Problem? Und möchten Sie an sich arbeiten? Wenn ja, ginge es wohl als Erstes darum, zu verstehen, welche sonstigen schwierigen Gefühle Sie sich mit Ihrer Neigung zum Ärgern ersparen. Eventuell könnten Sie versuchen, herauszufinden, was Ihnen helfen würde, in stressreichen Situationen etwas Entspannung zu finden. Sicher wäre es auch gut, mit Ihrer Frau darüber zu reden – wie es Ihnen beiden in verschiedenen Situationen geht und was Sie zu Ihrem Verhalten bewegt. Auf diese Weise könnten Sie sich besser verstehen, und zumindest der Ärger untereinander würde etwas in den Hintergrund treten.

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