Wir haben immer öfter wüste Szenen zuhause. Endlose Diskussionen und dann tagelanges Schweigen gab es schon immer, aber neuerdings schlägt mich mein Sohn (15), wenn ich (42) etwas von ihm verlange oder mit etwas nicht einverstanden bin. Dann gebe ich halt meistens nach, damit er aufhört. Dabei will ich ja nichts Unerhörtes von ihm: Dass er im Haushalt mithilft wie seine Schwester (12), oder dass er vor Mitternacht nach Hause kommt. Mein Mann findet, damit müsse ich selber fertig werden. Das will ich ja; ich war selber kein Engel in seinem Alter. Aber: Darf mein Sohn mich schlagen?

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Nur wenn Sie es ihm erlauben. Und als Erlaubnis versteht er es vermutlich, wenn Sie seine Schläge hinnehmen, sich seinem Willen fügen und ihn dann in Ruhe lassen – je öfter das geschieht, desto normaler wird es. Ich nehme an, Sie sind dann einfach froh, wenn es vorüber ist, weil Sie sich so unendlich ohnmächtig und alleine fühlen. Das Dumme ist, dass die kurzfristige Erleichterung langfristig zerstörerisch wirkt.

Alleine kommen Sie da nicht heraus. Mich wundert, dass Ihr Mann der Geschichte so ruhig zuschaut – und auch, dass Sie ihn lassen, ihn nicht stärker darauf behaften, dass er der Vater dieses Sohnes und Ihr Mann ist.

Haben Sie in der Beziehung zu Ihrem Mann auch etwas aufgegeben? Zusammenzugehören, zum Beispiel, miteinander zu leben, zu sprechen über das, was beide im Alltag erleben und wie Sie leben möchten?

Ich denke, das wäre ein guter Ansatzpunkt: Dass Sie Ihrem Mann (und zwar dann, wenn Sie beide Zeit haben, nicht in oder gerade nach einer wüsten Szene und nicht zwischen Tür und Angel) sehr genau erzählen, wie es Ihnen geht, in welchem Teufelskreis Sie stecken und wie alleine Sie sich fühlen. Und dass Sie ihn eindringlich auffordern, mit Ihnen gemeinsam nach einem Ausweg zu suchen.

Dieser Ausweg könnte darin bestehen, dass Sie sich beide mit Ihrem Sohn zusammensetzen und ihm sehr deutlich sagen, dass es so nicht weitergeht. Er wird dann ausführlich seine Seite aufzeigen müssen: Es könnte sein, dass er es satt hat, ein Jugendlicher zu sein, der in der Schule und zuhause gehorchen muss. So dass er versucht, bei Ihnen den Spiess umzudrehen. Womöglich erlebt er Schlimmeres, wird vielleicht gemobbt oder abgelehnt oder erlebt zu viele Misserfolge.

Oder er beneidet seine Schwester um ihr scheinbar problemloses Leben. Vermutlich hat er wegen seiner Gewalttätigkeit und Verachtung Ihnen gegenüber auch Schuldgefühle und muss genau diese bei der nächsten Gelegenheit wieder wegschlagen. Aber jedes Mal, wenn er Sie dazu bringt, sich von ihm zurückzuziehen, bleibt er alleine zurück, verliert Sie als Gegenüber.

Das wird mit Sicherheit kein einfaches Gespräch – Sie tun ja dann genau das, was Sie alle miteinander lange und mit aller Kraft vermieden haben: in Ihren klaren Rollen von Eltern und Kind über das sprechen, worum es wirklich geht, und diese Rollen wirklich einnehmen und durchsetzen. Darum kann dieses Familiengespräch nicht der erste Schritt sein, sondern vorher müssen Sie mit Ihrem Mann Kontakt aufnehmen, ihn ins Boot holen und das Eltern-Team erstmals oder wieder in Kraft setzen.

Nur zusammen haben Sie eine Chance, Ihrem Sohn standzuhalten. Und nur dann, wenn Sie sich selber klarer sind, wie es Ihnen als Frau, Ehefrau und Mutter eigentlich geht und was Sie möchten. Wenn Sie Unterstützung brauchen, melden Sie sich bei uns oder einer Beratungsstelle – eine Paartherapie wäre wahrscheinlich hilfreich.