Es ist eindrücklich, wie viel derzeit rund um das Elsass, seine Sprache, Identität und politische Struktur in Bewegung ist. Seit 30 Jahren berichte ich über die Nachbarregion, aber in der Intensität habe ich das bisher nie erlebt. Das Elsass kämpft ums Überleben. Manches ist paradox und ob es der Region gelingen wird, sich gegen die Pariser Regierung und den französischen Zentralismus durchzusetzen, bleibt zweifelhaft.

Während Paris kürzlich einen Bericht über die Fusion der beiden Departements Haut-Rhin und Bas-Rhin erstellen liess (bz vom 22.8.), soll gleichzeitig die elsässische Erziehungsakademie, die neben den Schulen und den Unis für die Zweisprachigkeit zuständig ist, abgeschafft werden. Wie geht das zusammen? 2500 teils namhafte Elsässer wehren sich in einer Petition dagegen.

In einer weiteren Petition engagieren sich 1100 Personen für den zweisprachigen deutsch-französischen Unterricht und den Erhalt des Dialekts. Dieser benötige um zu überleben den Bezug zur deutschen Hochsprache. Lange Jahrzehnte seien die Elsässer nach dem Zweiten Weltkrieg in einem beschränkten Antigermanismus gefangen gewesen. Zurückzuführen ist dies auf das Trauma der Besetzung durch die Nazis.

Sehr hilfreich, um die Elsässer zu verstehen, ist das Standardwerk von Frédéric Hoffet «Psychoanalyse de l'Alsace», das gerade in der fünften Auflage veröffentlicht wird. Die erste Ausgabe erschien 1951 in einer Auflage von 20 000 und hatte zu erbitterten Diskussionen geführt. Grund dafür war die These, dass das Elsass eine deutsche Kultur habe, ohne dass dies seine Liebe zu Frankreich infrage stelle.

Einen Sonderstatus hat das Elsass durch seine Lokalgesetzgebung und die Gültigkeit des Konkordats. Die Trennung von Staat und Kirche wurde hier nicht umgesetzt, weil die Region damals zum Deutschen Reich gehörte. Die Lokalgesetze stammen aus der deutschen Zeit und betreffen Gesundheit, Soziales, Justiz und Vereinswesen. Sie wurden nach dem Ersten Weltkrieg beibehalten und sollen jetzt im Rahmen einer Verfassungsänderung festgeschrieben werden.

Über die Fusion der beiden Departements mit der Region Elsass haben die Elsässer schon 2013 abgestimmt. Damals wurde sie durch die Stimmen der Südelsässer abgelehnt, weil sie Angst hatten, die Präfektur von Colmar zu verlieren. Einer der Gegner war Gilbert Meyer, Maire von Colmar. Jetzt meldet er sich zu Wort, um Colmars Anspruch anzumelden, Hauptstadt des neuen Elsass zu werden. Wird es Strassburg, hat er Widerstand angekündigt. Wenn die Probleme nicht aus Paris kommen, sabotiert sich das Elsass selbst.