Mein Leben im Dreiland

Das Elsass wehrt sich weiterhin

Peter Schenk

Jedes Jahr findet in Saint-Louis eine grosse Buchmesse statt, darüber staunt unser Autor immer wieder.

Ich bin immer wieder überrascht, wie es das 20 000-Einwohner-Städtchen Saint-Louis schafft, alljährlich eine grosse Buchmesse mit über 200 Autoren und dieses Mal 28 000 Besuchern auf die Beine zu stellen. Vergangenes Wochenende war es wieder soweit. Mit dem Drehbuchautoren und Schriftsteller Jean-Claude Carrière war es gelungen, eine bedeutende Persönlichkeit als Präsidenten zu gewinnen. Er schaffte es, in seiner Eröffnungsrede ein eindrückliches Plädoyer für Toleranz und Zusammenleben abzulegen. Auch bei den vier Preisen, die jährlich vergeben werden, setzen die Veranstalter auf Qualität. Die Jury der beiden national vergebenen Auszeichnungen besteht aus frankreichweit anerkannten Kritikern, Journalisten und Autoren.

Für viele Besucher ist die Messe die Gelegenheit, hautnah mit populären Autoren wie Bernard Werber in Kontakt zu kommen. Am Samstagnachmittag standen über 30 Personen geduldig an, um sich eines seiner Bücher signieren zu lassen. Natürlich spielen auch regionale Autoren eine wichtige Rolle. Pierre Kretz zeigt mit seinem neuesten Buch «L’Alsace n’existe plus» (Le Verger Editeur, 15 Euro) auf, dass die Elsässer nicht aufgehört haben, sich gegen die ungeliebte Gebietsreform zu wehren. Das Zitat aus dem Titel stammt vom linken Ex-Präsidenten François Hollande, als er sich nach einem Treffen mit Angela Merkel gegenüber zwei elsässischen Studenten äusserte. Diese kritisierten die Fusion des Elsass mit Lothringen und der Champagne-Ardennes. Die Antwort «Das Elsass besteht nicht mehr» sollte ein Witz sein, kam aber nicht gut an.

Kretz, der selber ein Linker ist und aus der 68er-Bewegung stammt, ist überzeugt, dass die neue Struktur Grosser Osten nicht funktioniert und politisch wie als Verwaltungseinheit absurd sei. «Ich bin zuversichtlich, dass man die Reform rückgängig machen kann», sagt er. Kretz hat bis 50 als Anwalt gearbeitet. Auch deshalb kritisiert er, dass die neue Struktur von der französischen Regierung durchgesetzt wurde, ohne die regionalen Politiker dazu zu befragen. Dies aber sei durch eine von Frankreich unterzeichnete Charta des Europarats vorgeschrieben.

Bei den anstehenden französischen Parlamentswahlen dürfte die Gebietsreform wieder eine wichtige Rolle spielen, glaubt er. Die extreme Rechte macht sie ebenso zum Thema wie die regionalistische Partei Unser Land. Die Sozialisten, die in Frankreich in den Siebzigerjahren und im Elsass noch bei den Regionalwahlen 2010 föderalistische Positionen vetraten, haben sich von dem Thema verabschiedet, bedauert Kretz.

Mein Journalistenkollege Jean-Christophe Meyer von der Zeitung «L’Alsace» war mit einem Buch über das Québec auf der Messe. Er hat dazu französischsprachige Gedichte beigesteuert. Für Meyer, der sich stark für das Elsässisch engagiert, könnte die kanadische Provinz Vorbild für das Elsass ein: «Sie haben es geschafft, ihre Sprache gegenüber dem Englischen zu behaupten.»

Den Sprung aus der Deutschschweiz nach Frankreich hat Hansjörg Schneider geschafft. Der Elsässer Verlag «Le Verger» hat mit «Hunkeler und der Fall Livius» erstmals einen Hunkeler ins Französische übersetzt. Weitere sollen folgen. Verleger Pierre Marchant musste die Erfahrung machen, dass es schwierig ist, das Buch auch in die Romandie zu bringen. «Es hat mich überrascht, wie tief der Graben ist.» Der Innerschweizer Sprung steht also noch aus.

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Peter Schenk

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