Mein Leben im Dreiland

Das gelobte Land der Medikamente

Das Medikament kostet im Elsass umgerechnet 9 Franken, ein doppelt so grosses Fläschchen kostet in der Schweiz 48 Franken.

Das Medikament kostet im Elsass umgerechnet 9 Franken, ein doppelt so grosses Fläschchen kostet in der Schweiz 48 Franken.

Peter Schenk über die teilweise stark unterschiedlichen Medikamentenpreise im Dreiland.

Die Franzosen sind Champions beim Medikamentenverbrauch – das zeigt sich vor allem bei Antibiotika, die mehr als dreimal so oft wie in der Schweiz geschluckt werden. Ich habe die vielen Jahre, die ich in Frankreich gelebt habe, oft den Eindruck gehabt, dass man dort schnell dazu neigt, auch kleineren Wehwehchen mit einer Pille zu begegnen. Vielleicht liegt das auch daran, dass insbesondere rezeptfreie Medikamente bei unseren französischen Nachbar rekordverdächtig billig sind. «Wir haben in ganz Europa bei Medikamenten den härtesten Markt und die günstigsten Preise», hat mir einmal eine elsässische Apothekerin in der Grenzregion erklärt. Schmerzmittel wie Paracetamol, fiebersenkende oder antiallergische Medikamente kosten weniger als die Hälfte als in der Schweiz.

Rezeptfreie Medikamente sind zudem, und das wird viele Leserinnen und Leser überraschen, im Elsass oft erheblich günstiger als in Deutschland. Nehmen wir zum Beispiel Ciclopirox, das ist ein Antimykotikum gegen Pilzinfektionen an Fussnägeln. Das winzige, drei Milliliter fassende Fläschchen kostet in einer Apotheke im französischen Huningue gerade mal 8,16 Euro, das sind umgerechnet 9 Franken. In Weil am Rhein wollte eine Apotheke 30 Euro für das 5-Milliliter-Fläschen, also umgerechnet rund 33 Franken. Selbst, wenn man berücksichtigt, dass mehr drin ist, bleibt der Preisunterschied erheblich. Den Vogel ab schiesst die Schweiz. In einer, sowieso schon günstigen, Internetapotheke habe ich das 6,6-Milliliter-Fläschchen für 48 Franken gefunden. Berücksichtigt man die Menge, ist der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz allerdings nicht mehr so gross.

Billiger ist es in Deutschland dennoch, da die deutschen Apotheken zusätzlich die Mehrwertsteuer erstatten. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel die Apotheke im Weiler Rheincenter aufgrund der vielen Schweizer Kunden nur so brummt. In Friedlingen wurde die ehemalige Rhein-Apotheke, die an der Tramhaltestelle Riedlistrasse/Kesselhaus liegt, in «Trämli Apotheke» umbenannt. Es liegt wohl auf der Hand, welche Kunden damit angesprochen werden sollen, denn «Trämli», das sagt in Deutschland niemand. Bei den rezeptpflichtigen Medikamenten nähern sich die Preise zwischen der Schweiz und Europa weiter an. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Schweizer Kunden nur deshalb in Deutschland in Apotheken gehen, weil sie sowieso schon in Weil am Rhein einkaufen. Den Weg nach Frankreich wird nur wegen der Medikamentenpreise wohl kaum jemand auf sich nehmen. Zusätzlich dürfte die Fremdsprache ein gewisses Hindernis darstellen.

Paradoxerweise hat die besagte Apotheke in Huningue vor allem Deutsche als ausländische Kunden. Sie kaufen – die Antibabypille. «Die ist bei uns erheblich billiger als in Deutschland», erklärte mir der Apotheker. Er hatte auch gleich eine Theorie dazu, und die hängt mit der niedrigen deutschen Geburtenrate zusammen: «Vielleicht wollen sie, dass die Deutschen mehr Babys machen.»

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Peter Schenk

Peter Schenk

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