PHILOSOPHICUM

Das unsterbliche Gerücht

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Ein «unsterbliches Gerücht» sei es, dass es Gott gebe, so der Philosoph Robert Spaemann. Wir möchten aber nicht an Gerüchte glauben. Nur an das, was wir kraft unserer Sinne oder vermittels der Wissenschaften erkennen können. Doch es gibt auch andere Meinungen über Gott. Manche etwa halten Gott für eine «wahrscheinliche Hypothese». Das tönt wissenschaftlich und zurückhaltend in einem.

Behaupten wir dergleichen angesichts einer Naturkatastrophe, die viele unschuldige Opfer fordert, ist das freilich nicht nur ziemlich unglaubwürdig, sondern auch hochgradig zynisch. Ganz abgesehen davon: Um Gott als eine, wahrscheinliche oder weniger wahrscheinliche, Hypothese zu bezeichnen, müssten wir zuerst einmal wissen, wovon wir reden, wenn wir von Gott reden. Und wir müssten eine Möglichkeit haben, uns über die Bewahrheitung oder Widerlegung der Hypothese ein sachhaltiges Urteil zu bilden. Beides kann jedoch gar nicht der Fall sein, da wir mit dem Wort Gott niemals etwas so und so Bestimmtes meinen, von dessen Existenz oder Nichtexistenz wir uns leichthin überzeugen können.

Aber was heisst denn überhaupt, es «gebe» Gott, er «existiere»? Wenn es um Gott in seiner Allgegenwart geht, ist es begrifflich ausgeschlossen, dass wir ihn irgendwann, irgendwo «antreffen», in den Koordinaten von Raum und Zeit. Was heisst dann aber noch «er existiert»? Es heisst zumindest: Er ist nicht nur unser Gedanke, unsere Idee, unsere Wunschvorstellung. Es ist denkwürdig, dass in gewissen Bereichen der jüdischen Philosophie von der Nichtexistenz Gottes ausgegangen wird. Diese Nichtexistenz bedeutet hier offenkundig etwas anderes als «nur ein Gedanke».

Gott ist überall, in allem, oder umgekehrt: Alles ist in Gott. Gott wäre also das Allumfassende. Angesichts einer solchen Definition wäre die Frage «existiert er?» sinnlos. Existiert das Allumfassende? Wie bitte? Was soll die Frage? Oder müssen wir uns Gott als ein «Wesen» vorstellen? Die besorgte Frage nach der Existenz Gottes zielt darauf, ob Gott denn nicht ein Wesen sei, denn nur einem solchen, nicht einem anonymen Prinzip, kann man Liebe, Bewusstsein, Wille zuschreiben. Doch wie vorbelastet ist auch das Wort «Wesen»! Wir kennen Tiere und Menschen und extrapolieren von ihrer Erfahrung her «höhere» Wesen wie Engel. Doch kann Gott ein Wesen von dieser Art sein?

Aber warum immer diese skeptischen Fragen! Entscheidend ist doch, dass wir an Gott glauben! Aber auch hier entstehen wieder Fragen: Kann man Glauben erzwingen? Und glauben wir denn nicht ohnehin schon? Wir glauben an die Wissenschaft, an den Markt, ans Wachstum, ans Geld, an uns selber und an vieles mehr. Doch entscheidend ist nicht nur, dass wir glauben, sondern auch, woran wir glauben. Glauben wir, durch all das hindurch und über das hinaus, woran wir im Einzelnen glauben, an Gott? Oder bleibt unser Glaube bei dem stehen, was uns eben jetzt «glaubwürdig» scheint?

Wer ahnt, worum es in der Frage nach Gott geht und was mit ihr auf dem Spiel steht, fragt vorsichtig und weiss um das Provisorische jeder seiner Antworten. Die Suche nach Gott, das Eingeständnis, ihn nie wirklich zu begreifen, ist die eigentliche Frömmigkeit.

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