Unsere kleine Stadt

Der Abschreiber vom Aeschenplatz

Wie soll unsere Gesellschaft mit dem Terror umgehen? Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagsortes in Berlin. BRITTA PEDERSEN/EPA/Keystone

Wie soll unsere Gesellschaft mit dem Terror umgehen? Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagsortes in Berlin. BRITTA PEDERSEN/EPA/Keystone

Unsere kleine Stadt und die Grenzen der Toleranz. Zum Autor: Daniel Wiener ist in Liestal aufgewachsen und lebt in Basel. Er ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Zum Fest der Liebe erreichte uns die Botschaft des Hasses. Der Chefredaktor einer Basler Zeitung kommentierte am Weihnachtsabend den Anschlag von Berlin. Seine Meinung hatte er allerdings wortwörtlich bei der Alternative für Deutschland (AfD) abgeschrieben. Von den Rechtspopulisten übernahm er nicht nur den Titel des Leitartikels («Merkels Tote»). Auch seine flüchtlingsfeindliche Bezeichnung des mutmasslichen Täters als «Asylterrorist» ist AfD-Slang. Bei seinen Vorplapperern geklaut war auch die abenteuerliche These, am Morden seien offene Grenzen und generell die EU schuld. Als ob es tödlichen Terrorismus in Europa nicht längst vor der Flüchtlingskrise, «Schengen» und der Gemeinschaftswährung gegeben hätte.

Zwar schliesst Meinungsfreiheit ein breites Spektrum von Ansichten ein. Die Grenzen der Toleranz sind dort überschritten, wo sich Nationalkonservative als rechtspopulistische Brandstifter entpuppen, die alternativlos Ängste schüren, um diese politisch und publizistisch zu bewirtschaften. Deshalb gilt es klarzustellen: Wenn schon, sind es die Toten des Islamischen Staates, die wir beklagen. Das scheint den Leitartikler aber nicht zu interessieren. Weshalb?

Wenn sich eine wachsende Zahl von Menschen als Verlierer des raschen Strukturwandels sieht, gibt es zwei mögliche Reaktionen: Die einen wollen den Ausgegrenzten helfen, indem sie Einkommens- und Vermögensunterschiede glätten oder in Chancengerechtigkeit, Kultur und Bildung investieren. Rechtspopulisten hingegen beuten asoziale Verhältnisse politisch aus und bekämpfen zugleich jede Linderung. Denn ihre giftige Saat geht umso prächtiger auf, je grösser das Gefälle zwischen Arm und Reich bleibt.

Um diesen Verrat an den Interessen ihrer eigenen Anhänger zu vernebeln, schieben Rechtspopulisten die Verantwortung für alles Unglück äusseren Feinden zu, beispielsweise «der Elite» oder «den Ausländern». Und das geht so: Man bastelt aus Versatzstücken der Geschichte eine Ausgangslage, welche zu den Schlussfolgerungen passt, die man ziehen will. In unserem Beispiel verspottet der Leitartikler das Projekt Europa aus pseudohistorischer Perspektive als «Programm des Untergangs».

Dabei setzt er Merkel an der Spitze «einer ganzen Generation von weltfremden Politikern, die sich berauschen liessen von den günstigen Winden der Geschichte». Zum Selbstbild der Populisten gehört, dass sie sich als «gehasste und belächelte» Minderheit inszenieren. Doch am Ende, so prophezeien sie, werde ihnen «die Geschichte» recht geben. Wer an dieser «schmerzhaften Wahrheit» zweifelt, gilt ihnen schlichtweg als «Realitätsverweigerer». So schliesst sich ein argumentativer Kreis, aus dem es wie bei einer Sekte kein Entrinnen gibt. Viele verwechseln diesen Diskurs mit Intelligenz, doch es ist nur Manipulation.

Basel geht einen anderen Weg: Am Rheinknie sind die Hassprediger die Realitätsverweigerer. Denn die hiesige Gesellschaft, ob bürgerlich oder links, setzt sich für Schwache und Arme ein. Sozialer Ausgleich und internationale Zusammenarbeit auf Augenhöhe sind das Erfolgsgeheimnis dieser Stadt. Wie keine andere in der Schweiz hat sie das Elend zweier Weltkriege vor der eigenen Haustür erlebt. Und deshalb sieht sie Europa bei aller Kritik weiterhin als Friedensprojekt. Wo der Umgang mit Grenzen und befreundeten, ausländischen Nachbarn Jahrhunderte Tradition hat, finden Abschottungs-Parolen wenig Nahrung.

So schwindet auch täglich das Interesse der Leserinnen und Leser an der Destruktion, die vom Aeschenplatz aus betrieben wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dort der ganz grosse Abschreiber ansteht: Bereits schämt sie sich die Stadt an allen Ecken und Enden, weil ihr guter Name und jener mancher Bürgerinnen und Bürger täglich in den Dreck gezogen werden. Die Mittel, um dem Spuk ein Ende zu setzen, werden sich deshalb finden.

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