Gerade als ich gestern Abend zu einer Besprechung aufbrechen wollte, kamen noch zwei Mails rein, die dringend beantwortet werden mussten; zehn Minuten später war ich dann beim Fahrrad. Doch bevor ich das Schloss aufmachen konnte, klingelte das Handy, und zwar bereits zum dritten Mal. Wider Willen ging ich ran und konnte das Gespräch glücklicherweise auf später vertagen.

Erleichtert schwang ich mich auf den Sattel und versuchte, die Pedale meines Fahrrads so schnell wie nur möglich durchzudrücken. Wie ich auf die grosse Kreuzung hinausjagte, während die Ampel hinter mir schon auf Orange gewechselt hatte, schoss mir der Satz durch den Kopf «Du solltest jeden Tag so leben, wie wenn es der Letzte wäre». Verärgert versuchte ich den Gedanken innerlich vorbeizuwinken, denn so getrieben von den Anforderungen des Alltags stelle ich mir meinen letzten Tag sicher nicht vor. Vor der Tür zur Besprechung wurde mir allerdings klar, dass mich diese alltägliche Weisheit noch aus einem ganz anderen Grund nervt.

Jeder muss sich eingestehen, nicht im Voraus zu wissen, wann sein letzter Tag sein wird. Jeder Tag kann der letzte sein. Und allein schon dieses «memento mori» macht uns demütig und ja, auch ein wenig Angst. Doch wir können dagegen nicht viel tun – wir können nur darauf Einfluss nehmen, wie wir die Zeit vor dem letzten Tag verbringen.

Und da kennen wir in der Regel zwei Möglichkeiten: Entweder wir begeben uns zum «grossen Ausverkauf des Lebens» – als hedonistische Aufforderung quasi, überall noch einmal so richtig zuzuschlagen. Denn «schliesslich lebt man nur einmal»! Man betrachtet das Leben wie eine Tasche, in die so viele unvergessliche Erlebnisse wie möglich reingestopft werden sollen. Oder aber wir gehen in die entgegengesetzte Richtung, weil wir uns moralisch ermahnt fühlen, das Leben nicht mit Nichtigkeiten und vorübergehenden Genüssen zu verschwenden. Wir versuchen uns darüber klar zu werden, welche Taten es verdienen, die so limitierte Lebenszeit in Anspruch zu nehmen.

Doch braucht es denn wirklich zuerst den Blick auf das Ende, damit wir mal in die Gänge kommen? Warum verleihen wir dem letzten Tag so unendlich viel mehr Bedeutung als jedem anderen – übrigens auch nicht wiederholbaren und darum einzigartigen – Tag? Warum sollte sich der Wert von etwas an seinem Ende messen und nicht vielmehr daran, dass es überhaupt angefangen hat? Ist nicht das das eigentliche Wunder? Müssten wir nicht damit aufhören, nur aus Angst vor verpassten Chancen zu handeln?

Wir könnten die Situation auch einmal umkehren und aus Freude daran handeln, dass wir jederzeit etwas Neues ins Leben rufen können, dass jeder Tag zu einem ersten Tag werden kann: «Lebe jeden Tag so, wie wenn es der Erste wäre.» Mich macht der Gedanke an einen stets möglichen Anfang oder Neuanfang um einiges mutiger und neugieriger als der Gedanke, wie ich dem Leben einen würdigen Abschluss bescheren könnte. So wie wir uns schon früh «fertig» machen können, so können wir uns auch spät noch als «Anfänger des Lebens» sehen. Es ist jeden Tag möglich, etwas Neues, Erstes ins Leben zu rufen. Doch das braucht natürlich auch den Mut, nötigenfalls etwas Unfertiges stehen zu lassen.