30 Jahre nach der Gründung des Kantons Basel-Landschaft war das Volk frustriert und wütend. Die Mehrheit der Baselbieter fand, die Revolution habe nur einer kleinen Elite genützt. Die Leute aus den mittleren und unteren Schichten erhielten kaum Kredite, viele Kleinbetriebe gingen in Konkurs, und die Arroganz der Centralbahn-Gesellschaft beim Bau der Eisenbahn brachte die Stimmung zum Kochen. 1863 machten die stimmberechtigten Männer Tabula rasa: Sie wählten die bisherige Kantonsregierung ab und hiessen eine neue Verfassung gut, die die Volksrechte massiv erweiterte, die Advokaten abschaffte und die fixe Besoldung der Beamten einführte. Angesagt war eine gerechtere, sparsamere und volksnahe Politik.

Heute herrscht in der Bevölkerung wieder eine ähnliche Stimmung. Im «Spiegel» erläuterte der Psychologe Stephan Grünewald, was das Kölner Rheingold-Institut über die seelische Verfassung der Deutschen herausgefunden hat: «Der Bürger ist labil, in ihm brodelt und rumort es (…) Ich habe solches Toben und Wüten, soviel Hass unter den Probanden (das sind die Befragten) noch nie erlebt.» Nur weil die Leute glaubten, Bundeskanzlerin Angela Merkel zu brauchen, um die Präsidenten Trump, Putin und Erdoğan in Schach zu halten, komme es in der deutschen Bevölkerung noch nicht zu einer politischen Radikalisierung. Nur deshalb werde, so Grünewald, die amtierende Bundeskanzlerin nach der Bundestagswahl vom 24. September auch die nächste Regierung bilden – zusammen mit den Liberalen von Christian Lindner. Die Frage ist allerdings, ob viele der Unzufriedenen wie in Frankreich bei der Wahl einfach zu Hause bleiben, um so ihren Protest gegen «das System» zu äussern.

Auch in der Schweiz herrscht viel Frust. Was die Eidgenossen umtreibt, erkennt man beispielsweise an den Themen der eingereichten oder angekündigten Volksinitiativen, darunter «Schweizer Recht statt fremde Richter», «für krisensicheres Geld», «für Ernährungssouveränität», «Ja zum Schutz der Privatsphäre», «Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren», «Zersiedelung stoppen», «mehr bezahlbare Wohnungen», «zuerst Arbeit für Inländer», «für eine starke Pflege», «Stopp der Hochpreisinsel», «Ja zum Verhüllungsverbot». Man will die Schweiz wieder so haben, wie sie angeblich mal war.

Die aufgeheizte Stimmung und den Hass spüre ich auch als Ombudsmann der SRG Deutschschweiz. Unter jenen, die Beanstandungen einreichen, gibt es solche, die Radio und Fernsehen SRF nichts mehr glauben, alles als Lüge taxieren und die Informationssendungen als Propaganda beschimpfen, die einen als amerikanische, die andern als palästinensische. Jemand schrieb: «Es ist eine bodenlose Frechheit, was Sie für unsere Zwangsgebühren liefern.»

Was tun? Die allgemeine Unzufriedenheit kann durch möglichst viel direkte Demokratie aufgefangen werden. Je leichter der Unmut in politisches Handeln umgemünzt werden kann, umso eher beruhigen sich die Gemüter wieder. Die Volksrechte allein genügen allerdings nicht. Es braucht auch stets eine volksnahe, bürgerfreundliche Regierung und Verwaltung. Es braucht leicht zugängliche und unentgeltliche Beschwerdeverfahren. Und es braucht Journalistinnen und Journalisten, die «dem Volk aufs Maul schauen». Nötig ist nicht nur die Integration der Flüchtlinge und der Ausländer. Nötig ist immer wieder auch die Integration der Inländer.