Persönlich

Der letzte Zaubertrick

Wurm-Pillen waren ein Bestseller im Zauberlädeli in der Spalenvorstadt.

Scherzartikel in Hülle und Fülle

Wurm-Pillen waren ein Bestseller im Zauberlädeli in der Spalenvorstadt.

Nicht nur die tabakschwere Luft stand still, sondern auch die Zeit. Auf der einen Ladenseite die Glasvitrinen mit dem Paffzeugs in edlen Holzkistchen, auf der anderen: Vulkane, Feuerteufel und Zauberhüte, aus denen sich schwarz kokelnde Schlangen wanden. Ein Kindertraum.

Nirgends schien das Unmögliche möglicher zu sein als im «Zauberlädeli»: Hier gab es den Zucker, der sich in einer Tasse Kaffee zu Krabbeltieren auflöste, und den zentimeterlangen Nagel, der schmerzlos im Finger steckte. Sogar das Zahlen war eine Freude, wenn sich schnödes Geld in Glück verwandelte – magisch eben.

Dass der flüchtige Zauber der Scherzartikel konfektioniert war und dem Prinzip von Angebot und Nachfrage folgte, realisierte ich erst später, als das Juckpulver, die krummen Nasen und Vampirgebisse auch in profanen Einkaufsläden auftauchten – zu Silvester, zur Fasnacht, zu Halloween.

Das Lädeli machte tapfer weiter. Man behielt es auch in lieber Erinnerung, wie eine drollige Tante, die man viel zu selten besucht und deswegen ein latent schlechtes Gewissen hat. Und genau so fühlte es sich an, als der letzte Inhaber vergangene Woche auf seiner Website verkündete, dass er sich wegen mangelnder Rentabilität und «schweren Herzens» dazu durchgerungen habe, das «Zauberlädeli» zu schliessen: als wäre ein entfernter Verwandter gestorben.

Zwei Wochen, maximal vier läuft der Betrieb jetzt noch weiter, bis die Regale leer sind. Und ich werde das «Zauberlädeli» noch einmal mit meinem Sohn aufsuchen, bevor es seinen letzten Trick aufführt, für den wohl so manche nachträglich bezahlt hätten, um ihn nicht erleben zu müssen: wie sich eine Basler Institution – Puff! – in Luft auflöst.

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