Eine der heftigsten Reaktionen auf Donald Trumps Treffen mit Wladimir Putin kam von einem Parteikollegen, dem republikanischen Senator John McCain. «Noch nie hat sich ein Präsident vor einem Tyrannen derart erniedrigt», liess McCain verlauten. McCain, der die US-Präsidentschaftswahlen 2008 gegen Barack Obama verlor, äussert sich in der Öffentlichkeit nur noch selten, denn er ist schwer an Krebs erkrankt. Doch nach dem Gipfel von Helsinki konnte er nicht schweigen.

McCain hat eben seine Memoiren veröffentlicht. In dem lesenswerten, 400 Seiten starken Buch setzt sich der ehemalige Vietnam-Kämpfer intensiv mit Putin auseinander. Seit Langem beobachtete McCain den politischen Aufstieg des früheren KGB-Agenten; bereits als Putin 2000 erstmals Staatspräsident wurde, legte er sich mit ihm an. Damals wurden seine Warnungen vor dem «tyrannischen Autokraten» als Paranoia eines Kalten Kriegers abgetan. Denn anfänglich hatte Putin im Westen kein schlechtes Image, sein Name stand für Öffnung und Fortschritt. Das begann sich erst später zu ändern, etwa 2003, mit der politisch motivierten Inhaftierung des Oligarchen Mikhail Khodorkovsky. Spätestens 2005 musste es Putins westlichen Freunden dämmern, als dieser sagte: «Die Auflösung der Sowjetunion war die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.»

Zerstörung der liberalen Weltordnung

John McCain zieht in seinen Memoiren ein überklares Fazit: «Putin ist ein böser Mann, und er hat böse Absichten, darunter die Zerstörung der liberalen Weltordnung, die der Menschheit Stabilität, Wohlstand und Freiheit gebracht hat. Putin nutzt die Offenheit unserer Gesellschaft aus, um Zwietracht zu säen und die westlichen Gesellschaften zu spalten.» Und mit Bezug zur Einmischung Russlands in die US-Wahlen 2016 schreibt McCain: «Putins Ziel ist nicht, einen bestimmten Kandidaten oder eine Partei zu schlagen. Nein, er will den Westen schlagen.»

Vorgestern liess es Trump, neben Putin stehend, offen, wem er glaubt – seinen eigenen Geheimdiensten, die eine Einmischung der Russen festgestellt haben, oder dem russischen Präsidenten, der nichts davon wissen will. Das brachte nicht nur McCain aus der Fassung, sondern auch Trump näher stehende Parteikollegen – und sogar Journalisten seines Lieblingssenders Fox News, die mit Putin ein exklusives Interview führen durften und dabei weitaus kritischer waren als Trump beim gemeinsamen Auftritt mit dem Autokraten.

Wer die Pressekonferenz am TV verfolgte, sah einen netten Putin, der Genugtuung versprühte. Trump behandelte ihn nicht wie einen bösen Mann (das tut er lieber bei Frauen, etwa den Regierungschefinnen Deutschlands und Grossbritanniens), sondern schmeichelte ihm mit Komplimenten und brachte ihm vor allem Respekt entgegen. Von einem solchen Gipfeltreffen habe Putin 18 Jahre lang geträumt, meinte die «New York Times». Die Inszenierung des Gipfels zeigte die Männer zweier gleichwertiger, gleich mächtiger Nationen. Was wollte Putin mehr? Nachdem er die Krim annektiert hatte, wurde Russland 2014 aus der G8-Gruppe ausgeschlossen, und US-Präsident Obama sah in Russland nur noch eine «Regionalmacht», keine Weltmacht mehr. Nun kann sich Putin wieder auf Augenhöhe der USA fühlen.

Folgen für Europa

Als Europäer könnte uns Trumps devote Haltung egal sein, würde sie nicht auch uns betreffen. Sollten sich die Vereinigten Staaten tatsächlich Russland annähern und von Europa abwenden – Trump bezeichnete die EU als «Feind» im Handelsstreit –, hätte dies wirtschaftliche und sicherheitspolitische Folgen. Amerika ist unser wichtigster Absatzmarkt ausserhalb Europas. Und das Militärbündnis Nato, einst von den USA zum Schutz Westeuropas vor der Sowjetunion gegründet, verlöre ohne klares Bekenntnis Amerikas seine Kraft. Trump hat angedeutet, dass die US-Armee bei Angriffen auf ein Nato-Land nicht mehr zwingend helfen würde, wenn dieses nicht mehr ins Nato-Budget einzahle.

Doch Trump ist nicht Amerika. Und seine Macht ist beschränkt, anders als bei Putin. Dass der US-Präsident auch aus den eigenen Reihen heftig für seinen Flirt mit Putin kritisiert wird, und davor ebenso für sein Nato-Bashing, zeigt: hin zu Russland, weg von Europa – diese Volte werden die USA kaum mitmachen.

patrik.mueller@azmedien.ch