Leider habe ich eine Smartphone-App entdeckt, die mich süchtiger macht als alle anderen Apps: Scrabble.

Ich behaupte schon seit Jahren, ich sei in diesem Spiel unschlagbar. Darum habe ich keine Freunde mehr, die Scrabble mit mir spielen. Ich bin ihnen dabei zu verbissen. Ich bin nicht Loriots Tante Mechthild, ich bin der Roger Köppel unter den Scrabblespielern. Ich ertrage es nicht, wenn jemand «Schwanzhund» legt. Ich verstehe keinen Spass, wenn es um «originelle Wortkreationen» geht.

Darum spiele ich jetzt gegen mir fremde Menschen im Äther, gegen Guest 9950 oder gegen Heike S. Sogenannte «Zufallsgegner». Ein Computer entscheidet ganz humorfrei, ob das Wort in seinem deutschen Wörterbuch vorkommt – oder nicht. Er berechnet auch die Punktzahl. Und etwas vom Besten: Nachdem das Wort unwiderruflich gelegt ist, sagt ein Mentor, was er getan hätte an meiner Stelle.

Manchmal sagt er: «Unglaublich, das hätte ich nicht besser machen können.» Aber oft gibt er zu Bedenken: «Da gibts noch Luft nach oben.» Höflich ausgedrückt für: «Du Deppin, ich hätte ein Wort gefunden, das 25 Punkte mehr hergegeben hätte!»

Ich frage mich, wie es wäre, im richtigen Leben einen solchen Mentor zu haben. Einen, der grössere Entscheidungen im Nachhinein beurteilt, einen der sagt: Jener Job hätte besser zu Dir gepasst, jener Mann wäre eigentlich Dein Traummann gewesen. Zum Glück gibt es diesen Lebensmentor nicht.

Sonst würden wir uns grämen über Errungenschaften, die uns glücklich machen, oder stolz auf uns selber. Anderseits sollten wir manchmal an diesen Mentor denken: Wir neigen dazu, uns zu überschätzen, denn wir haben zu wenig Fantasie für eine bessere Version unserer selbst.