Erst am Wochenende wieder sagte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck in einem Interview mit der «Welt am Sonntag», er sei gegen Volksentscheide auf nationaler Ebene, denn dem Volk fehle in vielen Fragen der Sachverstand – im Unterschied zu den Parlamenten, die sich mit den Themen über lange Zeit intensiv beschäftigten. Das Volk, dem angeblich der Sachverstand fehlt, ist in der Demokratie der Souverän. Doch diesem Souverän misstrauen viele. Warum eigentlich?

Die unsinnigste Politik ging nämlich nie vom Volk aus, sondern von wahnwitzigen Herrschern wie Timur, Stalin, Hitler oder Pol Pot, die ihr eigenes Volk terrorisierten. Den Entschluss, Krieg zu führen, fasste nie das Volk. Es waren immer die Regierungen und die Parlamente, die Truppen in Marsch setzten und Leid und Elend über Abertausende von Menschen brachten.

Es ist daher eine positive Errungenschaft der Moderne, dass das Volk in immer mehr Ländern politisch mitentscheiden kann. Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht galt erstmals 1787 in den USA, allerdings noch beschränkt auf Weisse und Männer. Es gelangte von dort nach Frankreich und in die Schweiz. Das Recht, über sämtliche Gesetze zu entscheiden, hatten die mündigen Männer weltweit erstmals im Kanton Baselland, und zwar am 10. Juli 1864, als sie über acht Vorlagen abstimmen konnten, von denen sie vier annahmen und vier verwarfen.

Natürlich hat der Souverän nicht immer Recht, natürlich trifft er Fehlentscheide. Es war sicherlich falsch, dass die Schweizer Männer vor 1971 mehrfach das Frauenstimmrecht ablehnten. Ich halte beispielsweise auch das Ja zum Minarettverbot oder die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative für Fehlentscheide. Ebenso ist der Entscheid des britischen Volkes, aus der EU auszutreten, eine Dummheit. Doch muss die direkte Demokratie Fehlentscheide aushalten können. Nichts ist auf Ewigkeit in Stein gemeisselt. Das Volk kann später zu neuen Erkenntnissen gelangen und Fehlentscheide korrigieren. Der in Liestal begrabene deutsche Dichter Georg Herwegh sagte daher mit gutem Grund: «Nur das Volk kann das Volk retten.»

Jedenfalls müssten die Kritiker der direkten Demokratie, wenn schon, nicht nur den Abstimmungen, sondern auch den Wahlen und den Parlamenten misstrauen. Wie viele haben doch den Kopf geschüttelt, dass in Italien immer wieder Berlusconi die Wahlen gewann. Wie sehr hat man sich gewundert, dass Trump siegreich aus der amerikanischen Präsidentenwahl hervorging. Mit wie viel Skepsis hat man die jüngsten griechischen Wahlen verfolgt. Auch Wahlen können Fehlentscheide mit fatalen Folgen sein. Und wie oft haben Parlamente Mist gebaut?

Je mehr das Volk in alle politischen Entscheidungen einbezogen ist, desto grösser ist die Chance, dass die Regierenden die Regierten verstehen und umgekehrt. Und desto kleiner ist die Gefahr politischer Vulkanausbrüche. Die direkte Demokratie ist zwar anstrengend, aber sie lohnt sich. Das müsste eigentlich auch dem deutschen Bundespräsidenten einleuchten.