Schäferstündchen

Der symbolische Klimanotstand

Als habe es Angst vor der eigenen Courage bekommen, relativiert das Basler Parlament in einer Fussnote jedoch gleich wieder, dass der Begriff «Klimanotstand» nur symbolisch zu verstehen sei. (Symbolbild)

Als habe es Angst vor der eigenen Courage bekommen, relativiert das Basler Parlament in einer Fussnote jedoch gleich wieder, dass der Begriff «Klimanotstand» nur symbolisch zu verstehen sei. (Symbolbild)

Seit einem Monat herrscht in Basel-Stadt Klimanotstand. Der Grosse Rat hat ihn ausgerufen und damit auf die Basler «Fridays for Future»-Demonstrationen reagiert. In einer Resolution anerkennt er die Eindämmung des Klimawandels und seine schwerwiegenden Folgen als Aufgabe von höchster Priorität. Als habe es Angst vor der eigenen Courage bekommen, relativiert das Basler Parlament in einer Fussnote jedoch gleich wieder, dass der Begriff «Klimanotstand» nur symbolisch zu verstehen sei.

Dass sie sich mit Symbolpolitik nicht zufrieden geben wollen, bewiesen Tausende Basler Kinder und Jugendliche, als sie am vergangenen Freitag wie Zehntausende andere in der Schweiz und Hunderttausende auf der ganzen Welt zum internationalen Klimastreik erneut auf die Strasse gingen. Sie sind wütend auf die Erwachsenen, die nach ihrer Meinung in der Klimafrage versagt haben. Sie sind wütend auf die Politikerinnen und Politiker, die in ihren Augen nichts tun, um die an der Klimakonferenz in Paris vereinbarten Ziele zu erreichen. Die Wut der Kinder und Jugendlichen ist angesichts der wissenschaftlichen Fakten und der politischen Trägheit verständlich.

Unverständlich ist hingegen die Wut, mit der viele Erwachsene auf ihre Forderungen reagieren. Dabei geht es nicht nur um die niveaulose Empörung von «alten weissen Männern» über «junge grüne Mädchen», die einem aus den Kommentarspalten der Medien, insbesondere der sozialen Medien, entgegenschlägt. Dabei geht es auch um die entmündigenden Belehrungen, mit denen die jugendlichen Demonstrantinnen und Demonstranten gemassregelt werden: Sie haben die ökologischen, ökonomischen und politischen Kausalitäten nicht begriffen. Sie nehmen nur an Klimastreiks teil, weil diese gerade im Trend liegen und sie dem Mainstream folgen. Und sie verdrängen dabei ihre eigene Schuldigkeit und delegieren die Verantwortung.

Der Altersdurchschnitt im Grossen Rat beträgt derzeit 51 Jahre, im Nationalrat 52 Jahre und im Ständerat 58 Jahre. Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt in der Schweiz 81 Jahre für Männer und 85 Jahre für Frauen. Nach einhelliger wissenschaftlicher Expertise muss der weltweite CO2-Ausstoss in den kommenden 30 Jahren auf nahe null reduziert werden, um eine Klimakrise noch zu verhindern. Das zwingt schon heute alle zu unbequemen Verhaltensänderungen – unabhängig davon, ob sie dereinst davon «profitieren» werden oder nicht. Es besteht also durchaus ein materieller Interessengegensatz zwischen den demonstrierenden Jugendlichen, die in 30 Jahren um die fünfzig sein werden, und den Politikerinnen und Politikern, die dann über achtzig sein werden.

Gerade weil die Jungen in ihrem ureigenem Interesse nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft denken müssen, sollten die Alten sich nicht über sie empören oder sie belehren, sondern auf sie hören. Und auch in Basel-Stadt konkrete Massnahmen ergreifen – Papier ist geduldig, die Jugendlichen sind es nicht.

*Tobit Schäfer arbeitet als Strategie- und Politikberater. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen Kulturinstitutionen. Während 13 Jahren politisierte er für die SP im Grossen Rat.

Meistgesehen

Artboard 1