Alfred Oberer war der Baselbieter «Königsmacher». Er übte nie ein öffentliches politisches Amt aus, sondern zog im Hintergrund die Fäden, bereitete Wahlen vor und half, in Sachfragen Lösungen zu finden. Die Regierungsräte sowie die kantonalen und eidgenössischen Parlamentarier suchten seinen Rat, weil er Land und Leute kannte, ein Gespür für tragbare Kompromisse hatte und diskret, ja verschwiegen war. Nicht nur in der FDP, deren Parteisekretär er eine Zeit lang war, sondern auch in anderen politischen Lagern vertraute man ihm. Vor drei Jahren ist er 87-jährig gestorben. Seither fehlt er. Wenn die FDP-Fraktion im Landrat hin und wieder übers Ziel hinausschiesst und wenn die Regierung nicht weiss, wie sie darauf reagieren soll, wäre sein Rat Gold wert.

Es gibt wenige solcher «Königsmacher» und Vertrauensleute in der Demokratie. Im Bund spielten Heinrich Walther, CVP-Fraktionschef von 1919 bis 1940, und Martin Rosenberg, CVP-Generalsekretär von 1941 bis 1968, eine vergleichbare Rolle. Und es gab bis vor kurzem in Deutschland eine Figur, die Alfred Oberer sehr ähnlich war: Peter Hintze. Der evangelische Theologe war 26 Jahre lang CDU-Abgeordneter im Bundestag und 1992–1998 Generalsekretär seiner Partei. Am Schluss amtete er als einer der Vizepräsidenten des Parlamentes. Er war nie Minister. Aber er galt als einer, der alles wusste, alle kannte und bei dem alle gerne Rat holten – nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere wichtige CDU-Leute, sondern auch politische Akteure aus anderen Parteien.

Peter Hintze starb vor einem knappen Jahr mit 66 Jahren. Einen Tag vor der Bundestagswahl vom 24. September zeichnete Britta Stuff im «Spiegel» auf sechs Seiten nach, wie sehr er im politischen Berlin in allen Lagern vermisst wird. Und in der Tat: Gerade jetzt wäre sein Rat wichtig. Denn die deutschen Parteien sind auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, Kompromisse zu finden. Keine der anderen Parteien will die Alternative für Deutschland (AfD), die über 94 Sitze im 709 Mitglieder zählenden Bundestag verfügt, an einer Regierung beteiligen. So gibt es im Prinzip vier «Lösungen»:

Die CDU/CSU, die FDP und die Grünen bilden die schwarz-gelb-grüne Jamaika-Koalition. Sie hätte 393 Stimmen und läge 38 Stimmen über dem absoluten Mehr. Die Verhandlungen beginnen diese Woche. Es wird nicht leicht sein, in allen wichtigen Politikbereichen eine gemeinsame Marschroute zu finden. Stimmt am Schluss nur eine der vier Parteien nicht zu, ist das Projekt gescheitert.

CDU/CSU und SPD setzen die schwarz-rote «grosse» Koalition fort. Sie käme auf 381 Stimmen. Aber es handelte sich um eine Koalition der Wahlverlierer. Zudem hat die SPD dezidiert erklärt, dass sie die kommenden vier Jahre die wichtigste Oppositionspartei sein will. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass diese Variante überhaupt in Betracht kommt – noch dazu, weil dann Alexander Gauland von der AfD der Oppositionsführer wäre.

Es wird eine Minderheitsregierung gebildet, beispielsweise durch die CDU/CSU alleine (246 Stimmen), durch eine Koalition von CDU/CSU und FDP (326 Stimmen), durch eine Ampel-Koalition von SPD, FDP und Grünen (282 Stimmen) oder durch eine Allianz SPD-Grüne-Linke (271 Stimmen). Das ist aber in einer parlamentarischen Demokratie, die das Prinzip wechselnder Mehrheiten nicht kennt, ziemlich abenteuerlich und dürfte kaum ernsthaft erwogen werden.

Kommt keine Koalition zustande und findet niemand als Bundeskanzler eine Mehrheit, löst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Bundestag auf und setzt Neuwahlen an. Diese Variante aber fürchten alle «Alt-Parteien» wie der Teufel das Weihwasser, weil sie annehmen, dass dann die AfD noch besser abschneidet. Dann hätte man in Deutschland österreichische Verhältnisse.

Deshalb kommt es darauf an, dass sich CDU/CSU, FDP und Grüne am Ende der Koalitionsverhandlungen alle als Gewinner sehen. Es geht um «Win-win-Situationen» und kluge Kompromisse. Dafür bräuchte man im Hintergrund einen wie Peter Hintze.