In der Theorie ist das politische System der Schweiz schnell erklärt. Zuoberst steht das Volk, dann folgen die Parlamente und schliesslich die Regierungen. Exekutivpolitiker sind hierarchisch gesehen also am unteren Ende angesiedelt. Sie dienen dem Volk und rapportieren den Parlamenten. Man erwartet von ihnen fein austarierte Lösungen, aber keine Visionen und vor allem keine Alleingänge. Und wenn, dann nur von jenen Magistraten, deren Politik man gutheisst.

In der Praxis ist es ein wenig anders. Egal auf welcher Stufe, bei Bund, Kanton oder Gemeinde, die Wahl in eine Regierung wird als Aufstieg ins Herz der Macht verstanden, nicht als Rollenwechsel zum demütigen Diener der Gemeinschaft. Gerade auch vom Volk, das – angestachelt von Populisten jeglicher Couleur – zunehmend Extrempositionen einnimmt. Es ist eben einfacher, «denen da oben» mehr Bedeutung zu verleihen und sie heftig zu kritisieren, als sich selbst zu engagieren oder die eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen.

Das Fatale ist, dass sich Exekutivpolitiker nicht selten gerne in der erhabenen Rolle sehen. Sie wollen die Fäden in der Hand halten oder halten sie unweigerlich in der Hand, weil sie Kraft ihres Amtes über einen Wissensvorsprung verfügen. Sie müssen sich mit weniger gut informierten Bundes-, Kantons- und Gemeindeparlamentariern abgeben oder gleich mit misstrauischen Bürgerinnen und Bürgern. Das zehrt an den Nerven. Und führt zuerst zur Überzeugung, es sowieso besser zu wissen, und dann zu Selbstherrlichkeit. Es bildet sich eine eigene Blase der Macht.

Natürlich sind nicht alle Bundes-, Regierungs- und Gemeinderäte so. Eine Mehrheit nimmt die an sie delegierte Verantwortung ernst und betreibt mit dem damit zusammenhängenden Handlungsspielraum kein Schindluder. Aber der Hang, sich nach einer gewissen Amtsdauer seiner selbst zu sicher zu sein, lässt sich nicht selten beobachten. Der abtretende Aussenminister Didier Burkhalter verrannte sich in der Europapolitik, weil er nur noch seine Lösung sah und sämtliche Einwände ignorierte. Bundespräsidentin Doris Leuthard, die sich nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima von der glühenden Anhängerin der Atomenergie zur Energiewendepäpstin transformierte, sieht nun in jedem Bergsturz eine Folge des Klimawandels. Da kann die Wissenschaft ein noch so differenziertes Bild zeichnen. Sie weiss es besser.

Gleich zwei Anschauungsbeispiele lieferten die beiden Basel diese Woche: den Reinacher Gemeindepräsidenten Urs Hintermann und den Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels. Der eine trat infolge der Asylaffäre zurück, der andere hofft noch immer, die BVB-Affäre politisch zu überleben. Beide haben den gleichen Fehler gemacht. Bei beiden ist der Grund dafür offensichtlich: Jahrelange Selbstbestätigung, die zu einem Gefühl der Unfehlbarkeit geführt hat – und geradewegs zu einem Kommunikations-GAU. Wie sich herausgestellt hat, waren beide Skandale, die Affäre einer Heimleiterin mit einem jungen Asylsuchenden und die Millionenzahlung ans Elsass zwecks Rettung der Verlängerung der Tramlinie 3 nach Saint-Louis, eher Skandälchen. Jedenfalls nichts, was zu Rücktritten und politischer Demontage hätte führen müssen.

Einen Unterschied gibt es allerdings: Während sich Hintermann sofort schützend und herrisch-aggressiv vor seine Behörden stellte, als die Affäre ruchbar wurde, zeigte Wessels sogleich auf die BVB und wusch seine Hände demonstrativ in Unschuld. Der eine handelte zu Beginn nicht stufengerecht, der andere nahm seine Verantwortung nicht wahr. Es gab für den Reinacher Gemeindepräsidenten keinen Anlass, gleich selbst in die Hosen zu steigen. Für das Dossier war eine Gemeinderatskollegin zuständig. Er hätte sich im Hintergrund halten müssen, statt die berichtenden Medien mit Klagen und Gegendarstellungsbegehren einzudecken. So hätte er sich Spielraum verschafft. Wessels hingegen wäre gut beraten gewesen, den Fehler sofort einzugestehen, laut «Mea Culpa» zu rufen und baldmöglichst eine Lösung zu präsentieren.

Die beiden Fälle zeigen exemplarisch: Wer zu sehr in seiner Rolle aufgeht und sich wichtiger nimmt, als er ist, verliert die Reflexionsfähigkeit. Und damit die Demut, die ihn ins Amt gebracht hat.