PHILOSOPHICUM

Die Egosekte

(Symbolbild)

«Kein Gefängnis ist sicherer als das (selbst gebaute) Gefängnis der Gedankenlosigkeit»

(Symbolbild)

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Möchten Sie herausfinden, ob ich einer Sekte angehöre, müssen Sie nur wissen, ob ich ständig mit dem Sektenvorwurf hausiere. Möchten Sie herausfinden, ob ich einer Ideologie nachhänge, müssen Sie nur wissen, ob ich den Anderen ständig ideologische Befangenheit anhänge. Möchten Sie herausfinden, ob ich dogmatisch und fanatisch bin, müssen Sie nur wissen, ob ich überall Dogmatismus und Fanatismus argwöhne.

Denn es ist so bequem und erhebend (für mich), mich auf der rechten Seite zu wissen. Als Anti-Dogmatiker, Anti-Fanatiker, Anti-Sektierer. Es ist so bequem und erhebend (für mich), die anderen für rückständig, irrational und verblendet zu halten, während ich mich selber für aufgeschlossen und vernünftig und das kleine Himmelreich auf Erden halte.

Genau das ist aber Sektierertum. Und die Wurzel des Sektierertums ist das Sektierertum in mir. Die Wurzel aller Sekten ist sozusagen die Ein-Personen-Sekte. Für die Ein-Personen-Sekte sind zwei Eigenschaften charakteristisch.

Erstens: Als Ein-Personen-Sekte beziehe ich alles auf mich, um ganz so zu bleiben, wie ich bin. Nichts ist mir mehr zuwider, als mich selbst infrage zu stellen. Und die beste Methode, mich nicht infrage zu stellen, besteht darin, alles infrage zu stellen, was nicht so ist, wie ich selber bin. Das ist der rasende Stillstand der Ego-Sekte. Ich will alles ändern, um mich selber nicht ändern zu müssen.

Zweitens: Als Ego-Sekte möchte ich am liebsten in einer Community aufgehen. Meine sektiererische Wirklichkeitsschrumpfung und meine Sehnsucht nach ihrer gruppenegoistischen Aufblähung sind zwei Seiten einer Medaille. Am Ende sind wir sogar bereit, die Gruppenegoismen zu verstärken, indem wir Gruppen schützen statt die einzelnen Menschen vor ihrer Identifizierung mit einer Gruppe.

Aber das Sektierertum wird nicht dadurch überwunden, dass es nicht nur eine, sondern viele Sekten gibt. Diese «Mehr desselben»-Lösungen zementieren das Problem. Einfalt bleibt auch
Einfalt, wenn sie sich vervielfältigt. Nicht durch Vermehrung der bornierten Blicke, sondern durch Verwandlung der eigenen Blickbewegungen überwinde ich das Ein-Personen-Sektierertum.

Nur ich allein kann mein Sektierertum überwinden, aber mein Sektierertum überwinden kann ich nicht allein. Das Bestreben, mein Sektierertum zu überwinden, kann mir keiner abnehmen. Aber gerade das zeigt sich wiederum in meinem dialogischen Engagement. Bin ich freimütig (mutig mir selber gegenüber, also selbstkritisch) und wohlwollend genug (an den Denkbewegungen anderer interessiert), um mich durch begründungsfähige Erkenntnis- und Handlungsperspektiven verändern zu lassen? Infrage steht also meine dialogische Freiheit, denn dialogische Freiheit ist nichts anderes als die Fähigkeit, Erkenntnis- und Handlungsgründe einzusehen und ernstzunehmen.

Dies wiederum erklärt, weshalb sich das Sektierertum, mein Sektierertum gegen Gründe immunisiert. Wer gar nicht denken will, hat wahrlich keinen Grund, Gründe ernstzunehmen. Kein Gefängnis ist sicherer als das (selbst gebaute) Gefängnis der Gedankenlosigkeit. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken ist die grösste Gefahr. Die grösste Gefahr bin also ich mir selbst. Und dann bin ich es früher oder später auch für andere.

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