OMG

Die friedlichste aller Zeiten?

«Früher war doch alles besser!» Doch stimmt das wirklich. OMG über das Gestern und Heute.

Private Waffenverkäufe haben in der Schweiz massiv zugenommen. In den USA ist das Gewehr Symbol von Freiheit und Frieden(!), während IKEA 36 Millionen (!!) Kommoden (!!!) zurückzieht, weil seit 1989 (!!!!) sechs (!!!!!) US-Kinder starben, als sie auf die Kommoden kletterten und diese dann umkippten – mir gehen die Ausrufezeichen aus und es stellt sich die Frage: In welcher Welt leben wir eigentlich?

Der amerikanische Friedensforscher Steven Pinker sagt: «Wir leben in der friedlichsten aller Zeiten, seit es Menschen gibt.» Pinker belegt das mit dem unangenehmsten aller Argumente: der Realität.

Dank akribisch geführter Steuerlisten der Mächtigen aller Zeiten wissen wir: Im 15. Jahrhundert starben 40 Menschen von 100 000 Einwohnern an einer Gewalttat, heute noch ein einziger, seit 1955 hat sich die Anzahl der Kriegsopfer gar halbiert. Die Gewaltquote ist immer und überall gesunken, wenn die Wirtschaft Grenzen überschritt: Wo man handelt, ist ein lebender Mensch wertvoller als ein toter, handeln gewinnbringender als stehlen.

Wir hingegen so: «Früher war doch alles besser!» Hm. Dann waren also Adam und Eva die besten Erzieher, ihre Kinder Kain und Abel die brävsten, und seither gehts den Bach runter. Das ist natürlich ebensolcher Blödsinn wie der Kalauer, dass damals 25 Prozent der Weltbevölkerung Mörder waren. Wir wieder so: «Dann sind die Medien verantwortlich? Ich bekomme heute jeden Tag Nachrichten aufs Natel von Gewalttaten! Die Welt MUSS doch immer gewalttätiger werden!» – Wahr und falsch. Tatsächlich gab es vor 20 Jahren keine Push-News auf unser Schnurtelefon im Wohnzimmer. Und ein Sonderberichterstatter stellt sich nicht vor einen Kindergarten, um darüber zu berichten, wie friedlich hier alles zu- und hergeht. Oder welches Medium schaltet einen Live-Ticker vom Marktplatz des Landes, das seinen Bürgerkrieg beendet hat?

Wir Menschen funktionieren nach dem Prinzip «Was ich weiss, macht mich heiss». Immer schneller immer mehr «News» aus immer ferneren Ländern verführen uns zu meinen, es gäbe generell mehr Gewalt. Verständlich, aber falsch. Bei all ihren Schattenseiten ist auch die Presse ein Global Player des Friedens, indem sie uns wachsam hält für Unrecht.

Schliesslich: Erst der Rückgang von Mord und Totschlag hat uns für weitere Formen von Gewalt sensibilisiert, die früher bloss «Peanuts» waren. Psychische Gewalt, Folter, Gewalt an Kindern etc. Diese neue Sensibilität kann rasch zum Irrtum führen, die Welt insgesamt sei gewalttätiger geworden. Das Gegenteil ist der Fall. Und das ist gut für unser Engagement: Der Einsatz für eine bessere Welt ist Teil eines gigantischen Erfolgsprojekts (mit Tausenden von herben Rückschlägen, klar). Und am Ende siegt das Gute – OMG! Engagierte sind auf der Siegerseite – das motiviert mich mehr als das 376. Weltuntergangsszenario. Es erinnert mich an das Motto des heiligen Don Bosco: Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1