Der Geistschreiber

Die Griechenländer der Schweiz

Das Baselbiet als Griechenland der Schweiz? Unser Autor hat sich damit auseinandergesetzt und kam zu einem interessanten Schluss. (Archiv)

Das Baselbiet als Griechenland der Schweiz? Unser Autor hat sich damit auseinandergesetzt und kam zu einem interessanten Schluss. (Archiv)

Der Geistschreiber zur Metamorphósis am Juranordfuss. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal bei meiner Ethnie im nahen Osten, bei den Appenzellern. Und zwar bei den Zivilisierten. Also bei den Ausserrhodern. Zugegen waren auch einige überkantonal recht weit Herumgekommene, und einer von ihnen klärte mich auf über meine Baselbieter Wahlheimat.

Und das klang so: «Das Baselbiet ist das Griechenland der Schweiz. Dieses Theater mit den Spitälern, läck das ist doch peinlich, und mit der Uni Basel, und die Finanzen, und dann diese unsägliche Händedruckgeschichte, ich weiss jetzt auch grad nicht mehr wo, unbegreiflich, das Baselbiet ist echt das Griechenland der Schweiz.»

Klar hätte ich ihm eine pfeffern können, dass er erst im Vorarlberg draussen wieder Bodenberührung gehabt hätte. Aber ich liess es bleiben. Erstens trug er eine Militäruniform, deren Rangabzeichen auf den Achselschlaufen einen extrem hohen Grad an Ungemütlichkeit ausstrahlte, und zweitens bin ich als Wahlgrieche eine friedfertige Seele.

Jetzt schafft sich das Baselbiet also doch noch ein Image, dachte ich. Als «Griechenland der Schweiz». Gut, die Umfahrung von Liestal entspricht tatsächlich den Schotterstrassen im griechischen Hinterland, und unser Aggloverkehr ist mit dem von Athen vergleichbar. Andererseits ist zum Beispiel Liestal eine echte Boomtown, während Athen bröckelt, Akropolis adieu. Tennis spielen wir auch besser. Wir Baselbieter haben auch weniger verschmutzte Badestrände. Und unter den griechischen Busfahrerinnen gibt es viel weniger grösste Schweizer Talente als unter unseren.

Ich habe meinem uniformierten Ostschweizer Mitmenschen lächelnd die Zähne gezeigt, mich verabschiedet, bin heimgebrettert ins Wahlgriechenland und habe «Griechenland der Schweiz» gegoogelt. Der erste Treffer war eine Schlagzeile aus dem «Bund» von 2012: «Bern, das Griechenland der Schweiz?». Der zweite eine aus den Schaffhauser Nachrichten von 2011: «Schaffhausen, das Griechenland der Schweiz.». Der dritte ein Titel eines Blogs aus Emmen LU von 2012: «Der Kanton Luzern ist das Griechenland der Schweiz». Schweizer Griechenländer auf den hinteren Rängen: Biel, Winterthur, das Tessin und das Welschland.

Entweder ist also die halbe Schweiz das Griechenland der Schweiz. Oder unsere hochgradigen Militärs plappern in Friedenszeiten dümmliche Schlagzeilen nach. Sicher, auch Kadermenschen sind nur Menschen und haben das Recht, nicht ununterbrochen ernst genommen zu werden. So wenig wie all die bissig zugespitzten Titel, mit denen die Blogs und Blätter ihre Leser in die Texte hineinschlaumeiern wollen.

Eigentlich hätte ich dem Mitmenschen folgendes sagen können: «Wissen Sie, was am Baselbiet griechisch ist, Sie Motzbrocken Sie? Zweitens unsere Sonnenstunden. Und erstens unsere Metamorphósis, durch die wir gehen. Die Neuwerdung einer Region ist zwar mühsam, in Gottes Namen, aber Geduld bringt Rosen, s’chunnt scho guet.»

Zum Glück ist mir das nicht rechtzeitig in den Sinn gekommen. Zumindest nicht das mit dem Motzbrocken.

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