Eigentlich sind wir Glückspilze. Der Unternehmenszweck unserer wirtschaftlichen Lebensgrundlage könnte sozialer nicht sein: Roche, Novartis, Syngenta und Co. kümmern sich um so zentrale Themen wie Gesundheit und Ernährung, also um primäre, allgemein akzeptierte menschliche Bedürfnisse. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass in der Medienöffentlichkeit Berichte dominieren, die den «Lifesciences» mit Misstrauen begegnen. Das vor allem jenseits des Juras angeschlagene Image der regionalen Hauptindustrie ist teils die Folge simplifizierter Suche nach Schuldigen, etwa für steigende Krankenkassenprämien. Oft erhält «Big Pharma» aber auch die Quittung für mitunter sozial unverträgliche Geschäftspraktiken.

Es ist fatal, wie stoisch und scheinbar hilflos die «Lifescience»-Branche seit Jahren und Jahrzehnten Schimpf und Schande erträgt. Oder ist es Arroganz? Das Gefühl, unverletzbar zu sein? Das permanente Liebäugeln mit dem Wegzug?

Wie auch immer: Auf die Länge kann kein Wirtschaftszweig ohne öffentliche Anerkennung überleben. Der Stolz auf den Arbeitsplatz ist beispielsweise ein zentraler Erfolgsfaktor. Menschen möchten die Begeisterung über ihre Tätigkeit mit Familie, Verwandten und Freunden teilen. Das gilt vor allem für die besten Talente. Um diese anzulocken, ist ein guter Ruf unverzichtbar.

Unsere wirtschaftliche Prosperität hängt davon ab, dass die Industrie Wege findet, der Häme zu begegnen. Einerseits durch die Abschaffung von unakzeptablen Praktiken. Anderseits durch Investitionen in die Erklärung der sozialen Produktivität ihrer Geschäftsmodelle. Gefordert ist aber auch die Politik, die bisher abseits steht. Die Regierungen beider Basel anerkennen zwar ihre Aufgabe, gute Rahmenbedingungen für erfolgreiche «Lifesciences» aufrecht zu erhalten. Aber sie finden es überflüssig, sich in die Politik der Unternehmen einzumischen. Das ist ein Fehler.

Die gesellschaftliche Verpflichtung der «Lifesciences» geht weit über das Steuern zahlen hinaus. Für das Wohlergehen unserer Stadt sind die grossen Konzerne «too big to fail». Es kann uns nicht egal sein, wenn ein Pestizid von Syngenta Bäche vergiftet oder Roche und Novartis die vitale Antibiotika-Forschung vernachlässigen. Auch wenn sie darin kein Geschäft mehr sehen, wie Radio SRF kürzlich berichtete. Damit verlieren die «Lifesciences» nicht nur Akzeptanz, sondern sie schaden auch dem Ansehen unserer Region.

Eine öffentliche Debatte über solche Fragen, würde nicht zuletzt den Unternehmen helfen, ihre Produkte kritisch und kreativ zu hinterfragen und dabei wieder mehr lokale Bodenhaftung zu gewinnen. Öffentliche Anerkennung ist unter Umständen eine teure Währung. Im Krisenfall wird sie jedoch fast unbezahlbar. Wir erinnern uns an die UBS, für deren Rettung der Staat vor zehn Jahren 65 Milliarden Franken bereitstellen musste.

Der Abbau von 2000 Stellen bei Novartis Schweiz könnte nur ein Vorbote sein für weitere Einschnitte und einen noch deutlich schmerzhafteren Strukturwandel. Die Politik sollte gemeinsam mit Gewerkschaften, Kultur und Wissenschaft die Initiative ergreifen für eine dialogorientierte Industriepolitik, die gegen weitere böse Überraschungen vorbeugt. Es wäre fahrlässig, die «Lifesciences» bei dieser Präventionsarbeit allein zu lassen.

 

* Zum Autor: Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.