Demnächst knallen im Büro der Stadtentwicklung die Champagnerkorken, weil
die Einwohnerzahl von Basel-Stadt in Kürze wieder 200'000 erreicht. Parallel zum Boom haben wir – still und leise – eine statistische Marke überschritten, die für unsere Lebensrealität aber noch deutlich wichtiger ist: Der Anteil der Kantonseinwohner mit Migrationshintergrund erreichte die Schwelle von 50 Prozent, wie das Statistische Amt auf Nachfrage bestätigt.

Die hohe Zahl verblüfft, zumal die Statistiker den Begriff «Einwohner mit Migrationshintergrund» sehr streng definieren: Zur neuen Mehrheit gehört nur, wer entweder selbst Ausländerin oder Ausländer ist oder zwei Elternteile hat, die beide aus dem Ausland eingewandert sind.

Basel-Stadt ist der erste Kanton mit einer Bevölkerungsmehrheit, die wie beispielsweise FCB-Star Taulant Xhaka einen Migrationshintergrund hat. Seine Eltern flohen als politisch Verfolgte aus dem Kosovo. Taulant kam in Basel zur Welt und wuchs mit seinem jüngeren Bruder Granit im St. Johann auf. Heute hat die ganze Familie den Schweizer und den albanischen Pass.

So stellen wir mit Staunen fest, dass Taulant Xhaka zwar als Fussballer überragend ist, aber als Basler ziemlich durchschnittlich (abgesehen davon, dass er zur Zeit in Binningen wohnt). Was bedeutet das für unseren Alltag? Worte wie «Migranten» oder «Expats» im Sinne von «die Fremden» verlieren ihre Bedeutung. Das Wort «Secondos» als Minderheitenbegriff ebenfalls. Der Extremfall sind vielmehr die Baslerinnen und Basler mit Basler Wurzeln.

Leoluca Orlando, der langjährige Bürgermeister von Palermo, verabschiedete sich vom Migrantenstatus der vielen Einwanderer in seiner Stadt, indem er verkündete: «Wer nach Palermo kommt, ist ein Palermitaner.» Auch wir sollten das Wort Migrant als Unterscheidungsmerkmal aus unserem Vokabular streichen und anerkennen: «Wer nach Basel kommt, ist Basler.» Auf Neudeutsch heisst dieses Konzept «Urban Citizenship».

Was hat diese Haltung für Konsequenzen? In erster Linie verpflichtet sie die Zuwanderer. Mit der Niederlassungsbewilligung werden sie vollwertige Bürgerinnen und Bürger, mit allen Rechten und Pflichten.

Sie müssen rasch lernen, wie unsere Regeln und Gesetze funktionieren, welche Sprachen hier verstanden werden, wie Basel tickt. Das ist nicht einfach, doch wir können sie bei diesen Bemühungen unterstützen.

Mit der bisherigen Wahrnehmung der Zuwanderer als «Migranten» oder «Expats» ist ein Ausschliessen verbunden, auch eine übertriebene Toleranz: Wenn zum Beispiel jemand nicht Deutsch lernt, sprechen wir halt Englisch. Und kommen uns dabei grossstädtisch vor. Doch verhindern wir damit die rasche Integration in die hiesige – vielfältige – Kultur, in die Wirtschaft, in den Alltag. Und wir verzichten auf die rasche Nutzung von Potenzialen. Nochmals Leoluca Orlando: «Statt ‹Wem gehörst du an?› müsste man fragen ‹Wer bist du?›». Identität ist wichtiger als das Bekenntnis zu einer Kultur.»

Die Steuerpflicht sollte ganz selbstverständlich, wie vergangene Woche an dieser Stelle zurecht gefordert, das aktive und passive kantonale Stimm- und Wahlrecht einschliessen. Bürgerliche Rechte motivieren dazu, sofort die Sprache zu lernen, um mitzureden. Unsere Medien zu nutzen, um Anteil zu nehmen. Und unsere Institutionen zu verstehen, um sich akzeptiert und sicher zu fühlen.

 

* Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.