Das Virus und wir

Die Stunde der vermeintlichen Langweiler

Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit.

Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit.

Wie stand es in der Prä-Corona-Ära um die politische Kultur in unserem Land? Obwohl Ausgleich und vorsichtiges Abwägen fest in der Schweizer DNA verankert sind, wurde auch hier manche Debatte von Populisten und Ideologen geprägt. Daran trugen wir Journalisten eine Mitschuld, schliesslich lassen sich mit provokativen Forderungen oder ironisch-bissigen Statements die besseren Schlagzeilen zimmern als mit einer bedachten Analyse.

Nun, wo das Corona-Virus Gewissheiten umpflügt, ist alles anders – zumindest in unseren Breitengraden. Anstelle der Marktschreier prägen No-Bullshit-Typen die Schlagzeilen. Nüchtern, und doch empathisch und mit viel Geduld beantwortet BAG-Mann Daniel Koch seit Wochen die guten und schlechten Fragen der Medienleute. Der Spitzenbeamte, der bis vor kurzem der breiten Öffentlichkeit unbekannt war, erhielt in den letzten Tagen haufenweise Fanpost.

In unserer Region ist Thomas Steffen eine solche Stimme der Vernunft: Der Basler Kantonsarzt beleuchtete im Interview mit dieser Zeitung offen die schwierige medizinische Situation, unterliess es aber nicht, Worte der Zuversicht einzustreuen. Während Donald Trump in der Corona-Krise irrlichtert, kürt die «New York Times» Mutti Merkel nach ihrer faktenbasierten Fernsehansprache kurzerhand zur «Anführerin der freien Welt».In der Krise trennt sich eben die Spreu vom Weizen. Unspektakuläre Beamte und vermeintliche Langweiler – sie vermitteln uns Sicherheit angesichts der schwierigen Situation und Wochen voller Unsicherheit, die noch kommen werden.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kritik an den Behörden muss auch in Krisenzeiten erlaubt sein. Sie soll aber mit Respekt vor dem Ernst der Lage erfolgen und am übergeordneten Ziel – der Bewältigung der Corona-Krise – orientiert sein. Nach meiner Einschätzung will eine Mehrheit der Bevölkerung genau das. Demgegenüber haben die Polemisierer in diesen Tagen selbst in den dafür anfälligen sozialen Medien einen schweren Stand. Bis jetzt. Hoffen wir, dass das so bleibt. Zudem wünsche ich mir, dass wir zumindest ein bisschen von der Unaufgeregtheit und Empathie eines Daniel Koch oder Thomas Steffen in den Polit-Alltag der Post-Corona-Ära retten.

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