Digitale Revolution, Wirtschaft 4.0, Smart City. Schlagworte, die schwer zu fassen sind und unser Leben doch längst prägen und noch viel mehr prägen werden. Kein Stein werde auf dem anderen bleiben, heisst es. Die Arbeitswelt werde völlig umgekrempelt. Jobprofile verschwinden, neue kommen hinzu. Veränderung macht Angst. Vor allem, wenn sie gleichermassen schleichend wie brutal schnell vonstattengeht. Schleichend, weil die technischen Fortschritte, nicht wie bei der Erfindung der Dampfmaschine, fauchend, stinkend und lärmend Einzug halten, sondern klandestin, unsichtbar und kaum fassbar. Brutal schnell, weil digitale Lösungen immer neue Anwendungsgebiete erschliessen, scheinbar plötzlich da sind und die Menschen (über)fordern.

Grosskonzerne lassen Stellenbewerbungen von einem Algorithmus bewerten. Facebook und andere Firmen verdienen mit unseren Daten haufenweise Geld. Kauf- und Wahlverhalten werden auf intransparente Weise beeinflusst. Wenn die breite Öffentlichkeit solche Entwicklungen dann staunend zur Kenntnis nimmt und die Politik daran geht, gesetzliche Regelungen zu zimmern, ist bereits die nächste Stufe praxisreif. Bis die Dystopie des gläsernen, totalüberwachten Bürgers Tatsache wird.

Natürlich, dank Internet, Smartphone und unzähligen Applikationen wird uns der Alltag leichter gemacht. Ob einkaufen, Reisen buchen, kommunizieren oder Wissen nachschlagen, es geht einfach, schnell und unkompliziert. Allerdings verlieren wir uns so gerne in dieser digitalen Welt, dass der Effizienz- und damit Lebensqualitätsgewinn gleich wieder verpufft.

Wer sitzt im Drämmli und schaut die Szenerie an, die vor seinen Augen abläuft? Wer hält es alleine an einer Bar länger als zwei Minuten aus, ohne das Handy zu zücken, und vergibt so die Chance, neue Menschen kennen zu lernen, die allerdings selbst in das Gerätlein starren? Wer lässt sich bei der Arbeit nicht noch so gerne von den Verlockungen des Internets ablenken? Steven Spielbergs (Noch-)Science-Fiction-Film «Ready Player One» zeigt, was gar nicht mehr so unvorstellbar ist: Menschen, welche die heruntergekommene reale Welt gegen ein Virtual-Reality-Spiel eintauschen und eigentlich nur dort zu Hause sind, inklusive zwischenavatarischer Kontakte.

Kryptowährung? Blockchain? Internet der Dinge? Und bald Quantencomputer? Wir verstehen nicht, wie das alles funktioniert. Selten intellektuell, praktisch nie gefühlsmässig. Denn die Haptik fehlt. Und doch können wir nicht so tun, wie wenn uns das alles nichts anginge, wir uns dem entziehen könnten. Das geht nicht nur Individuen so, sondern auch der Wirtschaft. Kein Anlass, ob Grossindustrie oder KMU, an dem nicht die Digitalisierung im Mittelpunkt steht. An dem nicht dazu aufgerufen wird, die Chancen zu packen, bevor man weg vom Fenster ist. An dem junge, smarte Männer zu erklären versuchen, welche neue Wunderwelt Smart Cities sein werden, wo effizient, ökologisch und gewinnbringend Transportwege sowie Produktionsvorgänge verkürzt und Gebäude und Kühlschränke intelligent werden. Basel-Stadt will hier eine führende Rolle einnehmen. Erstes grosses Projekt, das in Rekordzeit entwickelt und vom Regierungsrat abgesegnet wurde: der Güterbahnhof Wolf, der umgenutzt werden soll.

Das ist toll. Das ist die Zukunft. Nur, welche? Klar ist nur, sie kommt schneller, als wir nachkommen. Das gilt allerdings nicht für unser Verhalten. Dieses adaptiert sich rasch und schon fast schrankenlos. Seit Zalando Klamotten und Zubehör per Mausklick anbietet, ergiesst sich eine Päckliflut übers Land. Die Retourenquote liegt bei sagenhaften 60 Prozent. Das ärgert die Läden, schadet der Umwelt, freut aber die Post, während das deutsche Online-Handelshaus zahlreiche Niedriglohnjobs schaffen kann. Das ist nur ein Beispiel.

Der Onlinehandel wächst und oft ist der Finger schneller als die Vernunft. Auch der Medienkonsum wandelt sich rasant. Online, gratis, jederzeit und überall verfügbar, so müssen Informationen heute sein. Eine riesige Herausforderung für die Medien, die den Lesebedürfnissen gerecht werden wollen, aber ihr Geschäftsmodell verlieren. Oder die Handels- und Publikumsmessen. Baselworld und Muba hat eine mittlere Schwindsucht ergriffen. Die MCH Group wird kritisiert, die Entwicklung verschlafen zu haben. Der Vorwurf trifft auf so ziemlich jede traditionelle Branche zu, ist aber billig. Auch Firmen werden von Menschen geführt. Und diese funktionieren nun mal nicht digital.

Deshalb kann wenigstens eine Gewissheit postuliert werden: Was auch immer noch kommen mag, Erholung für Geist, Leib und Seele gibt’s weiterhin nur analog. Ein Spaziergang in der Natur oder durch die Innenstadt, ein Konzert, Essen und Trinken mit Freunden (ohne Handys), eine gedruckte Zeitung, ein schön gebundenes Buch, einfach Dinge zum Anfassen, Schmecken und spüren, sind und bleiben bereichernder als das Festkleben an einer Social-Media-Timeline oder das Stöbern in einem virtuellen Warenhaus.