Wie ein Zahnrad schnurre ich (weiblich, 43) durch den Alltag. Am Morgen läutet der Wecker, ich stehe auf, erledige schnell Hausarbeiten, bevor ich aus dem Haus eile, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Dort warten schon viele Termine und jede Menge Arbeit auf mich. Der Tag zieht an mir vorbei, bis ich am Abend nach Hause renne, unterwegs noch Einkäufe erledige und später erschöpft aufs Sofa sinke. Es kommt mir vor, wie wenn ich nur dazu da wäre, Arbeiten zu erledigen. Das macht mich sehr unzufrieden. Wie kann ich am Abend sagen: Dieser Tag war meiner?

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Diesen Zustand kenne ich. Und die Unzufriedenheit damit auch. Einerseits denke ich dann, das sollte nicht so sein, das kann nicht das richtige Leben sein, das muss ich ändern. Und: Was ist das für eine Gesellschaft, die in einem so rasanten Tempo funktioniert und so viel auf Leistungssteigerung, Produktion und Ergebnisse gibt? Dann die innere Gegenstimme, die sagt: Haben wir denn ein Versprechen erhalten, dass das Leben schön ist? Gibt es ein Recht auf Gelassenheit, Zufriedenheit, Selbstverwirklichung? Voller Schuldgefühle denke ich an Menschen, die unter wirklich schlechten Lebensbedingungen sehr viel mehr arbeiten müssen als ich. Und ich verirre mich in Gedanken – bis der nächste Termin, die nächste Aufgabe mich wieder retten.

Gerne komme ich also auf Ihre Frage zurück. Manchmal hilft es, sich zu fragen, was man damit gewinnt, sich wie ein Zahnrad zu fühlen. Was wäre, wenn ich auf einmal Zeit und Musse hätte? Wie würde ich damit umgehen? Würde es mir langweilig werden, würde ich mich leer fühlen? Wenn ja, habe ich eigentlich nicht zu viele Aufgaben, sondern es fehlt mir eine – nämlich eine, die ich sinnvoll und spannend finde. Für die ich gerne lebe. In die ich mich völlig hineingeben kann.
Nicht selten überdeckt eine hohe Betriebsamkeit auch richtig Unangenehmes. Etwa schwelende Konflikte oder innere Schwierigkeiten, über die man lieber hinwegsehen möchte. Vielleicht ist es einfacher, sich wie ein Zahnrad zu fühlen als schmerzhaften Realitäten ins Auge zu blicken?
Fühlt man sich über Wochen und Monate unzufrieden, ist es an der Zeit, etwas zu ändern. Sich verschiedene Fragen zu stellen: Kann ich eine Aufgabe abgeben? Wo kann ich Zeitfenster einrichten, in denen ich tun kann, was mich erfreut und entspannt? Könnte ich weniger streng mit mir selber sein?

Eine einfache und schnell wirkende Lebenshilfe gegen allzu grosse Alltagsroutine besteht darin, seine Aufmerksamkeit auf das Gegenwärtige zu richten. Sich den kleinen Alltagshandlungen und dem Moment zu widmen, statt stets vorwärtszuhasten aufs nächste Ziel hin. Das kann bereits beim Aufstehen beginnen: Wie fühle ich mich heute? Oh, der Rücken ist steif – ich muss mich wohl strecken und biegen. Oder auf dem Weg zur Arbeit den Blütenduft in der Luft wahrnehmen. Auf diese Weise kann man schöne Momente gebührend geniessen, aber auch Erschöpfung, Frustration oder Ärger rechtzeitig erkennen und angehen. Bleibt man präsent, so hat man die Möglichkeit, Unangenehmes prompt anzusprechen und Vorhaben flexibel den Gegebenheiten anzupassen.

Sicher ist es mehrfach pro Tag nötig, seinen Körperbedürfnissen nachzugehen: Das Fenster öffnen, tief durchatmen und sich erneut strecken, sich kurz ausruhen. Indem ich meine Aufmerksamkeit immer wieder auf die Gegenwart richte, erlebe ich mich und meine Umgebung in allen Facetten stärker. Und der Tag wird zunehmend zu meinem.