Ich würde auf der Stelle einem Patriotenclub beitreten – wenn Patrioten etwas Originelles, Eigenes zu bieten hätten. Aber was Patrioten gemeinhin verbindet, ist kein Eigenes, sondern die Abgrenzung gegen Aussen. Manchmal glauben sie sogar, sie könnten leere Schatztruhen auffüllen, indem sie sie strengstens bewachen («da muss aber was Wertvolles drin sein!»). Nicht jeder, der sich gegen Fremdes schützt, hat etwas Eigenes zu bieten.

Und ich würde sofort einem Antipatrioten-Club beitreten, wenn Antipatrioten etwas anderes zu bieten hätten als die immer gleiche Anbetung des Fremden, des Anderen, des Nicht-Identischen, der kulturellen, sexuellen Differenz.

Aber vielleicht ist hier schon viel früher etwas schiefgelaufen. Vielleicht stehen wir schon seit längerem unter dem Einfluss einer Begriffsverwirrung: Wir glauben, das Ich sei das «Eigene» und das Du sei das «Fremde». In Wirklichkeit entdecke ich Fremdes auch in mir – und ich entdecke Eigenes auch im Anderen.

Was ist das «Eigene»? Das Eigene ist das Vertraute und steht dem Fremden als dem Unvertrauten gegenüber. Vertraut heisst: ich kann mich orientieren, ich kenne mich aus, ich weiss, wie damit umgehen. Und ich komme mir fremd vor, wenn ich mich nicht orientieren kann, weil ich mich nicht auskenne und ich nicht weiss, wie damit umgehen.

Nicht das Eigene und das Fremde sind das Problem, sondern Offenheit und Verschlossenheit. Offenheit aber beinhaltet ebenso Offenheit dem Anderen wie mir selber gegenüber. Offenheit mir selber gegenüber heisst also: Nicht nur das Eigene, sondern auch das Unvertraute, Fremde in mir entdecken. Und Offenheit dem Anderen gegenüber heisst: Nicht nur das Fremde, sondern auch das Vertraute im Anderen entdecken.

Hinzukommt noch ein weiterer Aspekt. Das Eigene und das Fremde sind ambivalent – sie beide haben eine positive und eine negative Seite. Zur Ambivalenz des Eigenen: Ich stehe zu meinem Standpunkt, ich bediene mich meines eigenen Verstandes und ich sage offen, was ich denke. Meine Überzeugungen sind sozusagen mein geistiges Eigentum. Aber plötzlich wird mein geistiges Eigentum zu einem Bunker, der allem feindselig begegnet, was ausserhalb und nicht innerhalb von ihm passiert. «Es gibt wenige Menschen, die durch Überzeugungen nicht zu Philistern werden», schreibt Christian Morgenstern.

Zur Ambivalenz des Fremden: Ich gehe wohlwollend auf Unbekanntes zu, interessiere mich für fremde Klänge, fremde Länder, fremde Gedanken. Mein Wohlwollen für Fremdes kann aber auch in Selbstverlust umkippen. Ich begegne dann nicht mehr länger dem Fremden, sondern tanze einfach nach dessen Pfeife. Das Fremde steht dann gerade nicht für Horizonterweiterung, sondern für Aufnötigung und Fremdbestimmung.

Zahlreiche Debatten lassen sich nahezu erschöpfend charakterisieren als rechte Ausblendung der negativen Seite des Eigenen oder als linke Ausblendung der negativen Seite des Fremden. Bornierte Egomanie und nicht minder bornierte Xenomanie stehen sich verständnislos gegenüber. Die bittere Ironie ist, dass sie sich, was ihre gedankliche Substanz betrifft, zum Verwechseln ähnlich sind.

Was ich wiederum ebenso eigenartig wie befremdlich finde.