Was für Basel letztes Jahr das «White Dinner» und kürzlich das Sommerfest auf dem Münsterplatz war, ist für Liestal kommenden Sonntag die Lange Tafel. Das Stedtli muss nicht Basel nacheifern wollen, aber deutlich zeigen, dass es «Schweizer Genussstadt 2016» ist. Wer hätte das gedacht? Fabelhaft.

Gegenwärtig läuft auch eine «Baselbieter Genusswoche» mit viel regionalem Glanz. Beides sind Höhepunkte eines kulinarisch und gastronomisch reichen Jahres. So hoffe ich in der Rathausstrasse auf einen fröhlichen und festlichen Anlass. Gaumenfreuden in ungewohnter Kulisse, die unsere Sinne ganz besonders wecken.

Ich bezeichne mal – vielleicht etwas übersüünig – die Lange Tafel als weiteren Markstein auf dem bereits begonnenen und erfolgreichen Weg Liestals zu einem facettenreichen kulturell-kleinstädtischen Zentrum und als überraschendes Schmankerl für Liestals Aufbruch in die Moderne.

Auch architektonisch liegt Liestal im Trend. Ich lese von Koryphäen der Architektur, dass der «Soundtrack des Wohnens» in der zunehmenden und verdichteten Urbanität liege. Liestal wird zwar nie zur Metropole, aber die Suburbia – westlich der Bahn entlang aber hässlich, gar nicht aamächelig – dehnt sich inzwischen weit aus, und das Bauen nahe des Stadtkerns nimmt staunenswerte Ausmasse an. Das provoziert allerdings mein ästhetisches Auge und macht mich zum kritischen Beobachter. Der eingeschlagene Weg enthält auch Stolpersteine.

Das Sorgenkind ist ausgerechnet die für einmal sonntäglich mit Tischen vom Törli bis zum Regierungspalast herausgeputzte Rathausstrasse. Sie ist das Herzstück Liestals, zusammen mit der Kanonengasse, dem Fischmarkt, dem Zeughausplatz mit dem Ziegelhofareal und dem Törliplatz (ein neckischer Name von engagierten Liestalern).

Die Rathausstrasse macht auf mich einen zwiespältigen Eindruck. Sie kann durch Märkte, Standaktionen und gelegentliche Events attraktiv sein. Zu oft aber spüre ich sie nicht. Sie lebt dahin, wie wenn sie ihre Seele verloren hätte. Da besteht Handlungsbedarf, wenn sie künftig «place to be» sein will. Das Herz muss kräftig schlagen. Da können die Klänge von Felix Mühleisens Alphorn auch ein Weckruf, ein Zeichen sein. Genau solche originellen Ideen braucht das Stedtli. Gewerbetreibende, die Nischen für Spezialangebote und im Gastro-Bereich finden und so zur Lebendigkeit des Zentrums beitragen.

Meine Frau und ich werden uns ebenfalls an die Lange Tafel setzen. Als Agglos müssten wir mit Fanfaren willkommen geheissen werden, denn genau solche Leute aus der weiteren Umgebung und der Region braucht Liestal nämlich auch. Der angestrebte Höhenflug ist atemberaubend. Er bleibt nur dann nicht auf bescheidener Höhe, wenn auch das ganze Stedtli zum anziehenden «place to be» wird.

Am einstigen Poetennest kann ein Literat wie ich heute kein Interesse mehr haben. Liestals Zukunft liegt im Bekenntnis zur pulsierenden Urbanität. Das muss auch im Interesse des Kantons sein, der die Dynamik seines Kantonshauptortes nicht behindern darf.