Rheinstrasse

Eine hundskommune Hauptstrassebraucht nicht drei Spuren

Andreas Hirsbrunner
Zwei oder drei Fahrspuren auf der Rheinstrasse? Und wohin mit den Fussgängern? Derzeit sind diverse Fragen offen. niz

Zwei oder drei Fahrspuren auf der Rheinstrasse? Und wohin mit den Fussgängern? Derzeit sind diverse Fragen offen. niz

Andreas Hirsbrunners Leitartikel zur Abstimmung über die Rheinstrasse

Sie müsse bei einem Unfall im Schönthaltunnel die Region vor dem Verkehrschaos bewahren. Die Erwartungen an die Rheinstrasse zwischen der Hülftenschanz und Liestal sind vonseiten ortsansässiger Garagisten und Politikern aus FDP und SVP gross und gipfeln in der Initiative «zur Verkehrs-Kapazitätssicherung der Rheinstrasse zwischen Pratteln und Liestal». Über diese stimmen wir am 27. November im Baselbiet samt regierungsrätlichem Gegenvorschlag ab.

Die Initiative fordert im Kern, dass die Rheinstrasse innerhalb von Minuten auf drei Spuren umgestellt wird, falls ihre Umfahrungsstrasse, die A 22, wegen eines Unfalls gesperrt werden müsste. Um diese Vorgabe erfüllen zu können, ist ein hoher technischer Aufwand nötig: Verkehrsleitsystem, Videoüberwachung, eine Vielzahl an Lichtsignalanlagen, versenkbare Poller, je eine neue Ab- und Zufahrt zur A 22 und anderes mehr. Der Kanton schätzt die Kosten für diese Massnahmen auf 20 Millionen Franken, die Initianten behaupten, ihr Modell könne billiger umgesetzt werden.

Vergleichszahlen fehlen, weil die Initianten etwas fordern, was es in der Schweiz bis heute nicht gibt. Interessant in diesem Zusammenhang: Das Bundesamt für Strassen (Astra) will den Pannenstreifen auf der A 3 zwischen Augst und Rheinfelden als dritte Fahrspur öffnen. Dies aber nicht nur zu Spitzenzeiten, sondern permanent, weil der Aufwand für Signalisation und Videoüberwachung für einen temporären Betrieb zu gross wäre.

Findet die Initiative an der Urne eine Mehrheit, so gehört der zweieinhalb Kilometer lange Abschnitt zwischen Hülftenschanz und Liestal strassenmässig zu den vergoldetsten Gebieten der Schweiz: Gegen 500 Millionen Franken hat der Bau der A 22 als Umfahrung der Rheinstrasse gekostet – die definitive Abrechnung liegt auch drei Jahre nach Eröffnung noch nicht vor –, drei dutzend Millionen wird die Grund-Sanierung der Rheinstrasse unabhängig von der Variantenwahl kosten, dazu kommen die erwähnten 20 Millionen für die Umsetzung der Initiative. Das ist selbst der strassenbaufreundlichen Regierung und dem Landrat zu viel, weshalb sie der Initiative einen Gegenvorschlag gegenüberstellen. Dieser will die Rheinstrasse bei Bedarf «innert weniger Tage» auf einen dreispurigen Betrieb umstellen. Das zu Zusatzkosten von vier Millionen Franken.

Stellt sich die Grundsatzfrage: Braucht die Rheinstrasse überhaupt eine dritte Spur? Von ihrer Funktion her ist sie seit dem Bau der A 22, welche sie vom Durchgangsverkehr befreit, eine hundskommune Kantonsstrasse und dient dem Lokalverkehr von und nach Frenkendorf und Füllinsdorf. Dafür braucht es zwei Spuren und etwas Platz für Linksabbieger – genauso, wie der Kanton kürzlich den Fortsatz der Rheinstrasse auf Liestaler Boden erneuert hat. Die dortigen Velospuren kann man sich in Frenkendorf-Füllinsdorf sogar weitgehend schenken, weil es bereits Velowege entlang der Ergolz und der Bahnlinie gibt.

Der Kanton plante in der Vergangenheit unter dem Namen «ertüchtigtes Projekt» auch tatsächlich eine ähnliche Sanierung der Rheinstrasse in Frenkendorf-Füllinsdorf, bis die Regierung angesichts der eingereichten Initiative den Kopf, die Nerven oder was auch immer verlor und einen Gegenvorschlag aus dem Hut zauberte. Das heisst, dass eigentlich auch aus Sicht des Kantons das «ertüchtigte Projekt» die vernünftigste Variante ist. Sollte es nun an der Urne ein zweifaches Nein zu Initiative und Gegenvorschlag geben, wofür wir hier plädieren, wird das günstigere und auch von links-grüner Seite zunehmend akzeptierte «ertüchtigte Projekt» wieder salonfähig.

Allerdings leidet diese Variante noch an einem Schönheitsfehler: Sie ist im Gegensatz zum derzeit rechtskräftigen Rückbau-Projekt der Rheinstrasse auf eine sieben Meter breite Fahrbahn mit einseitiger Baum allee, wie ihn die Regierung dem Stimmvolk im Gegenzug zum A 22-Bau wiederholt versprochen hat, demokratisch nicht legitimiert. Das kann die Regierung mit einer referendumsfähigen Landratsvorlage nachholen.

Bleibt das Schreckgespenst eines Verkehrschaos, wie es die Initianten heraufbeschwören, wenn im Schönthaltunnel ein Unfall passiert und die Rheinstrasse «nur» über zwei Spuren verfügt. Klar ist, dass jeder Unfall zu Rückstaus führt. Je stärker der betroffene Abschnitt befahren wird, desto länger werden die Staus. Von daher sind die Auswirkungen bei Teilsperrungen der A 2 zwischen Basel und dem Belchentunnel, der A 18 im Birstal oder eben der A 22 im Ergolztal grösser. Gleichzeitig ist der richtungsgetrennt geführte Schönthaltunnel bedeutend weniger unfallgefährdet als etwa der Eggfluhtunnel bei Grellingen oder der Chienbergtunnel bei Sissach. Er musste gemäss Polizei in der bisher dreijährigen Betriebszeit denn auch nur einige wenige Male für kurze Zeit gesperrt werden.

Kurz und gut: Dass eine umfahrene Strasse zur Umfahrung ihrer Umfahrungsstrasse ausgebaut werden soll, ist doch auch im autoaffinen – und klammen – Baselbiet ein ziemlich abwegiger Gedanke.

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Andreas Hirsbrunner

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