Im Grunde ist es mehr als nachvollziehbar, dass die Elsässer sich regelmässig schwer tun mit der Loyalität gegenüber dem jeweiligen Land, zu dem sie gehören. Allein in den 75 Jahren von 1871 bis 1945 wechselten sie vier Mal zwischen Deutschland und Frankreich die Nationalität. Jedes Mal bedeutete das, dass ein Teil der Bevölkerung die Heimat verlassen musste.

Das erste Mal geschieht dies 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg, durch den Elsass-Lothringen bis 1918 deutsch wird. Wie im Friedensvertrag von Frankfurt geregelt, durften sie sich bis zum 1. Oktober 1872 entscheiden, ob sie die französische Staatsangehörigkeit behalten und nach Frankreich auswandern wollten. Letztlich nahmen 50 000 Menschen die Möglichkeit in Anspruch, etliche von ihnen aus dem Südelsass. Die Bedingungen waren im Vergleich zu den folgenden Ausweisungen relativ human. So durften sie ihr Eigentum verkaufen oder mitnehmen.

Französische Republik härter als der Kaiser

Härtere Sitten als der deutsche Kaiser zog die französische Republik 1918 nach dem gewonnenen Ersten Weltkrieg auf. 120 000 als deutsch-freundliche eingestufte Elsässer wurden des Landes verwiesen und durften nicht mehr als 30 Kilo Gepäck und 2000 Mark mitnehmen. Ihr übriger Besitz wurde enteignet und fiel an den französischen Staat.

Die von heute aus kaum nachvollziehbare Härte der französischen Demokratie lässt sich nur aus dem Aufeinanderprallen von zwei Nationalismen erklären und dass der Erste Weltkrieg vor allem Frankreich und nicht Deutschland verwüstete. Die Wiedergewinnung des verlorenen Elsass war eines der Hauptkriegsziele der Franzosen.

Zweidrittel der Bevölkerung evakuiert

Bald sollte der Zweite Weltkrieg folgen, und wieder hatten die Elsässer nichts zu Lachen. Zwischen dem 1. September 1939 und dem 10. Mai 1940 gab es an der Front im Elsass nur unbedeutendes Geplänkel. Ein Drittel der Bevölkerung war nach Südwestfrankreich evakuiert worden. Von ihnen kehrten nach dem Sieg der Nazis Zweidrittel ins Elsass zurück.

Dass die Nationalsozialisten die Elsässer bei der Annexion 1940 nicht mit Samthandschuhen anfassten, verstand sich von selbst. Wieder mussten 45 000 Menschen die Region verlassen, wieder nur mit 30 Kilo Gepäck und begrenzten Devisen. Schmuck und Wertpapiere sackte der deutsche Staat als volks- und reichsfeindliches Vermögen ein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden im Rahmen der Entnazifierung über 10 000 Elsässer verurteilt, weil sie mit den Nazis zusammengearbeitet hatten. Ganz hart wäre es beinahe für mehrere nordelsässische Dörfer gekommen. Weil sie in der Nazizeit geschlossen in NS-Verbände eintraten, wollte ein Präfekt sie geschlossen nach Südwestfrankreich deportieren. Letztlich kam die radikale Massnahme doch nicht zustande.

peter.schenk@bzbbasel.ch