Alles hat seine Zeit: Krieg und Frieden, Aufbauen und Niederreissen, Tanzen und Klagen, Liebe und Hass!» Diese treffenden wie düsteren Zeilen finden sich im Alten Testament.

Hauptsache Spass! In den Neunzigerjahren war die Rede davon, wir würden nun in einer Spassgesellschaft leben. Die Menschen im Westen frönten Spass und Zerstreuung. Es waren wirtschaftliche Boomjahre und man pflegte locker Konsumlust und Unterhaltung. Typisch deutsch-evangelischer Tiefsinn war nicht mehr angesagt, dafür die Leichtigkeit des Seins. Jahrhundertealte Traditionen wurden belächelt und durch Beliebigkeit und Spontanes ersetzt. Individuelle Befriedigung wichtiger als Leben in der Familie. Man begann, an Weihnachten allein oder zu zweit in Skiferien zu fahren – oder flüchtete von Familie und Tradition weg an einen x-beliebigen, warmen Strand. Damals sind die ersten Comedy-und Blödel-Formate in den Fernsehstationen entstanden: Spassgesellschaft.

Mit dem Terroranschlag in New York ist dies unbeschwerte Lebensgefühl vieler abrupt infrage gestellt worden und in den folgenden Jahren einer neuen Ernsthaftigkeit und Ängstlichkeit gewichen: zunehmender Sorge um den Bestand der westlichen Demokratien und Werte, von Wohlstand und Frieden.

Statt Karriere und Geld zu machen, bloss Spass zu haben, erleben wir heute eine neue, tiefe Sehnsucht vieler junger Leute nach echter Heimat und Identität, nach intakter Familie und haltgebenden, verlorenen Ritualen und Werten.

Ich bin mit gemischten Gefühlen ins neue Jahr gegangen, ziemlich unruhig.

Immer mehr Menschen haben den Eindruck gewonnen, dieses System offener Grenzen, freier Märkte und freien Kapitals ohne europa- und weltweit gültige, griffige Leitplanken fahre uns alle an die Wand. In den USA ist neu ein superreicher, ungehobelter Showman Präsident. Einer, dem alles und nichts zugetraut werden darf. Das ganz grosse Geld regiert die Welt ungeniert wie noch nie. Und es ist mobil wie noch nie. Auch die USR III hatte damit zu tun – und wir haben unserer Politik und Wirtschaft ein prima, hoffentlich wegweisendes Signal gegeben.

Wen erstaunt’s, dass nach dem Jahrzehnt der Spassgesellschaft und einem weiteren Jahrzehnt der Sorge nun Gefährliches am Wachsen ist, der Hass!

Hass, geboren aus Frust und aus Angst. Hass, das leidenschaftliches Ausleben eigener schlechter Gefühle, undifferenziert und verallgemeinernd gegenüber andern, oft Schwächeren.

Alles hat seine Zeit. Wird aus unserer Spass- bald eine Hassgesellschaft? Hass begegnet uns mit jedem Attentat, genüsslich zur Schau gestellt, mit dem Ziel, Angst und Unsicherheit zu schüren, Europas Gesellschaft zu spalten und Gegenhass hervorzurufen. Und dieser Gegenhass kommt schleichend und unbemerkt – mitten unter uns. Nicht nur in sozialen Medien.

Hass gegen Hass – das ist keine Antwort. Nie und nirgends. Das darf nicht sein. Gegen Hass hilft einzig differenzierendes Dagegenhalten und hartnäckiges Argumentieren, nüchternes Aus- und Festhalten der eigenen Werte. Sonst fällt Europa bald achtzig Jahre zurück – und wir haben, obwohl gut gebildet, aus der Geschichte nichts gelernt.

Es darf nicht mehr einfach alles seine Zeit haben.