Ich bin zwar längst erwachsen (40j, m), frage mich aber doch immer wieder, ob ich mit meiner Mutter streiten darf oder ob das falsch ist. Wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin und es ihr sage, reagiert sie immer sehr verletzt, und ich bekomme grosse Schuldgefühle. Sie vergibt mir zwar nach einiger Zeit wieder, aber ich fühle mich trotzdem schlecht.

Streiten will gelernt sein. Und gerade mit der eigenen Mutter fällt das vielen schwer. Dabei sind es die engen und nahen Beziehungen, die uns speziell herausfordern und in denen es immer wieder etwas zu klären gibt.

Aus meiner Sicht stellt sich deshalb weniger die Frage, ob Sie mit Ihrer Mutter streiten dürfen, sondern vielmehr, ob Sie es möchten, und wenn ja, wie Sie es tun. Und vielleicht auch, wie Sie mit den Reaktionen Ihrer Mutter umgehen möchten. Beziehungen haben eine Geschichte. Als Kleinkind ist man von den Eltern existenziell abhängig und ihnen in mancher Hinsicht ausgeliefert. Dabei geht es nicht nur darum, körperlich umsorgt zu werden, sondern auch um emotionale Zuwendung.

Wir sind beispielsweise darauf angewiesen, dass unsere Mutter oder unser Vater uns tröstet, wenn wir aufgrund von Hunger, Schmerz, Unruhe oder Langeweile aus dem inneren Gleichgewicht geraten. Erst nach und nach lernen wir, uns selbst zu beruhigen. Deshalb ist es in jungen Jahren fast schon gefährlich, auf seine Mutter wütend zu sein, weil wir auf diese Weise nicht zum nötigen Trost oder zur notwendigen Fürsorge kommen. Gewisse Eltern reagieren ihrerseits wirklich mit Ärger oder emotionaler Abwendung, wenn ihr Kind sich nicht gemäss ihren Vorstellungen verhält oder ihnen gar Widerstand leistet. Speziell verletzlich sind sie, wenn das Verhalten ihres Kindes sie an unangenehme Situationen in ihrer eigenen Kindheit erinnert.

Möglicherweise hat Ihre Mutter negative Erfahrungen mit Streitgesprächen und Konflikten gemacht, und so reagiert sie besonders verletzt, wenn ihr Sohn sie kritisiert. Und Sie haben offenbar gelernt, bei Ihrer Mutter möglichst wenig Kritik anzubringen, um sie nicht zu verletzen. Dieses Muster scheint recht wirksam zu sein, sodass Sie auch heute noch mit starken Schuldgefühlen reagieren und sich schlecht fühlen, wenn Sie es dennoch tun.

Eine lebendige Beziehung braucht Auseinandersetzung, und es fühlt sich starr und einengend an, wenn man nicht auch Kritisches äussern, nicht ab und zu streiten kann. Dabei ist es wie immer «le ton qui fait la musique». Man kann Kritik tatsächlich richtig harsch, anklagend oder aggressiv anbringen, was dann schnell beim Gegenüber ein Gefühl von Verletzung auslöst. Auch bezüglich des Zeitpunktes für Streitgespräche gibt es bessere und schlechtere. Wenn man weiss, dass jemand speziell verletzlich ist, kann man sich vielleicht mit flapsigen Bemerkungen etwas zurückhalten.

Doch bei aller Rücksichtnahme können wir nicht verhindern, dass unser Gegenüber auf Kritik manchmal verletzt reagiert. Und so stellt sich hier die grundsätzliche Frage, wie viel Raum man sich selber dafür einräumen möchte, Wünsche oder eine eigene Meinung zu äussern, unabhängig von den Gefühlen anderer. Und man muss es dann aushalten, wenn das Gegenüber auf Kritik negativ reagiert. Sicher bewirkt man mit einer Auseinandersetzung nicht nur Negatives, denn immerhin versucht man ja, in der Beziehung etwas zu klären und zu verbessern. Und ständiges Vermeiden von Kritik und Streit erzeugt letztlich eine beziehungsmässige Distanzierung.