Persönlich

Es lebt sich gut im Ausnahmezustand

Die Gesellschaften, wie wir sie gegenwärtig in Europa kennen, sind der Ausnahmezustand. Sorgen wir dafür, dass er so oft wie möglich verlängert wird.

Die Horror-Meldungen stapeln sich. Nizza, Türkei, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach, Saint-Étienne-du-Rouvray. Davor Brüssel und zweimal Paris. Die Welt ist aus den Fugen geraten, höre ich immer wieder. Dabei: In den Fugen war die Welt gar nie. Nur haben wir das erst jetzt wieder einmal bemerkt. Wir, die in einem Reservat der Privilegierten leben.

Frankreich hat nach den Anschlägen im November den Notstand ausgerufen. Und kürzlich wieder verlängert. Der Ausnahmezustand ist in der Geschichte der Menschheit aber der eigentliche Normalzustand.

Was wir Mitteleuropäer in den vergangenen Jahrzehnten erleben durften, das ist die Ausnahme. Menschenrechte, Gewaltentrennung, Trennung von Kirche und Staat, Gleichstellung der Männer und später auch von Mann und Frau, soziale Sicherheit, Schutz von Kind und Tier: All diese Errungenschaften in der Folge der Aufklärung mögen bereits früher einmal verwirklicht gewesen sein, in ihrer heutigen Ausprägung jedoch sind sie absolut einmalig. Und ständig in Gefahr.

Nicht nur wegen Terroristen, auch im Innern sägen destruktive Kräfte an den Pfeilern der freien Gesellschaft – Beispiele aus der Schweiz: Eine Initiative, welche die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention verlangt. Der Armee-Chef, der in einer Rede einen Journalisten diffamiert (sich danach zum Glück entschuldigt). Der immer wieder zu vernehmende Ruf gewisser Kreise nach der Todesstrafe.

Die Gesellschaften, wie wir sie gegenwärtig in Europa kennen, sind der Ausnahmezustand. Sorgen wir dafür, dass er so oft wie möglich verlängert wird. Wir sollten es den grossen und kleinen Erdogans nicht zu einfach machen.

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