Wir haben es schwer, wir Erste-Welt-Bewohner. Immer, wenn wir uns aufregen und es nicht gerade um Tod, Krankheit, Sexismus oder Klimawandel geht, droht uns die Moral-Keule. «First World Problem!», heisst es dann. «Verwöhnter Gof! Die Kinder im Gaza-Streifen darben, und Du beklagst Dich über _________ (Bitte Luxusproblem einsetzen wie Parkbusse erhalten / Hundegaggi vor Lift / fantasieloses neues Hochhaus / Weihnachtsgutzi schon im September / Name falsch geschrieben auf Becher im Starbucks). So darf man sich auch nicht über die SBB aufregen. Ich tue es trotzdem.

Ein Jahr lang habe ich Buch geführt, wie oft mein Morgenzug verspätet war auf der Strecke Basel–Liestal, vom 30. Januar 2018 bis 29. Januar 2019. Das Ergebnis: ernüchternd – für mich. Nur 10,6 Prozent meiner Züge waren unpünktlich oder fuhren erst gar nicht. Im Schnitt sind zwischen Basel und Liestal 10,6 Prozent aller Verbindungen verspätet, sagt die Seite pünktlichkeit.ch. Ich bin so Durchschnitt! (Auch ein First World Problem. Nur so nebenbei.)

Alt bekannte Warnung

Anfang Jahr die Überraschung. Das jüngste Pferd der SBB steht auf meinem Perron. Der FV-Dosto. Der neue Doppelstöcker von Bombardier. Auch Pannenzug genannt, aber das war mir egal damals. Das edle Interieur stimmt einen gnädig. Wir alle sind käuflich. Schon bei der dritten Fahrt dann die Ernüchterung. Der FV-Dosto hat eine ganz eigene Begrüssungsmelodie: «Sehr geehrte Fahrgäste. Wegen technischer Probleme verzögert sich die Abfahrt dieses Zuges um ein paar Minuten.»

Ich wollte mich schon aufregen. So richtig. Da dachte ich an die Kinder im Gaza-Streifen. Ganz, ganz fest. Es half!