«Ich (w) bin in einem kleinen Dorf als jüngstes von drei Kindern aufgewachsen. Der älteste meiner beiden Brüder (60) wurde in der Schule mit 14 auffällig, weil er immer schlief. Das Anraten zur Psychotherapie wurde vom Vater mit der Bemerkung abgeschmettert, er sei nur faul. Er machte die Matur, wurde ein ewiger Student, entwickelte ein ganz starkes Messie-Verhalten, weshalb seine Wohnung kürzlich zwangsgeräumt wurde, und lebt nun auf der Strasse. Was können wir als Angehörige noch tun?»

Die Antwort von Jörg Hirsch: Dass Ihr Bruder schon mit 14 den Lehrern durch sein Verhalten auffiel, lässt vermuten, dass schon dort Weichen gestellt waren für eine letztlich schwierige Entwicklung. Dass der Vater ihn lieber als faul denn krank sah, war und ist im Trend: Faul zu sein ist weniger schambesetzt als eine psychische Krankheit. Es gibt viele Faktoren, die einen zum Messie machen können.

Ich kann nur einige wenige hier herausgreifen: seelische und gefühlsmässige Vernachlässigung in früher Kindheit und fehlende Zuneigung und Bestätigung. Dinge zu sammeln, die anderen unnütz erscheinen, ist dann nur ein Symptom; der Betreffende hat auch oft Mühe, sich an Abmachungen zu halten, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, aber auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein derartiges Verhalten kann dann so ausgeprägt werden, dass es mit der gesellschaftlichen Norm inkompatibel wird und man an den Rand gerät. Wie es auch Ihrem Bruder ergangen ist.

Vielleicht gab es bei Ihnen Familiengeschichten, die eine solche Entwicklung begünstigten? Vielleicht hat Ihre Familie erfolglos versucht, Gegensteuer zu geben? Und nun herrscht Betroffenheit und Hilflosigkeit. Eventuell machen sich auch Schuldgefühle breit. Wie fühlen Sie sich als seine Schwester? Was hat er Ihnen in Ihrer Kindheit und Jugend bedeutet? Und heute? Man könnte auch fragen, ob Ihr Bruder aus der Familie ausgegrenzt und zur «Persona non grata» erklärt wird. Sind die anderen Familienmitglieder bereit und fähig, sich dem zu stellen, was vielleicht daheim nicht gut gelaufen ist und dann auch alle anderen betrifft? Das könnte ein wichtiger Schritt sein und Türen öffnen zur Wiedereingliederung.

Ihr Bruder lebt jetzt auf der Strasse. Inwieweit ist er willens und fähig, Hilfsangebote anzunehmen? Jede Stadt hat Anlaufstellen für Obdachlose, es gibt Strassenarbeiter, soziale Organisationen, kirchliche Hilfsangebote. Zwar sind alle Angebote sehr niederschwellig, aber dennoch für manch einen noch zu hoch. Dann muss eventuell der Berg zum Propheten kommen: Was wissen Sie über das derzeitige Verhalten Ihres Bruders? Hat er bevorzugte Plätze, wo er tagsüber ist und zum Übernachten? Ist er informiert über die bestehenden Angebote? Es mag sein, dass er jemanden braucht, der ihn bei der Hand nimmt, um Erstkontakte zu ermöglichen.

Doch – und das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt –, inwieweit ist es sein freier Entschluss, auf der Strasse zu leben? Will er es vielleicht genauso? Begreift er seine Lebensart als politisches Statement gegenüber der Gesellschaft, oder möchte er durch seine Lebensart ein anderes Zeichen setzen? Dann gälte es, seine Haltung zu respektieren! Aber auch dann wäre er vielleicht dankbar für Hilfestellungen wie einen wintergeeigneten Schlafsack oder andere sinnvolle Formen der Zuwendung, wobei Geld nicht unbedingt die beste Hilfe ist. Ich wünsche Ihnen sehr, dass es gelingt, sowohl dem Bruder zu helfen, als auch die sich durch ihn bietende Chance zu nutzen, Licht in alte Dunkelkammern zu bringen.