Gestern habe ich auf Facebook einen hübschen Satz gelesen: «Beurteile einen Menschen nicht nach seinem Aussehen.» Gepostet hat ihn eine Freundin, deren Profilbild ein Blüemli zeigt.

Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens zu beurteilen – wow. Noch nie gehört. Ich habs ausprobiert. Am Morgen im Bad. Und ich bin begeistert. Wer bereits beim Blick in den Spiegel den Menschen nicht aufgrund seines Aussehens beurteilt, geht heiter in den Tag. Für zwei Minuten. Bis dich jemand anstarrt und du merkst, oha: Dieser Mensch hat die Weisheit auf Facebook verpasst und du stellst ihm für den ersten Eindruck bloss das Aussehen zu Verfügung, sofern du nicht zufällig eine Burka trägst. Bei mir erblickt das Gegenüber einen Ü50, der kein Shampoo mehr braucht, aber eine Zahnbürste mit Navi, die zwischen den krumm gewachsenen Stalagmiten und Stalaktiten in der Mundhöhle wieder zum Ausgang zurückfindet.

Aussagekräftiger ist der zweite Eindruck. Wechselt man mit der neuen Bekanntschaft ein paar Worte, merkt man sofort, hoppla, sie ist keine Schönheit, aber hat dafür einen entgegenkommenden Mundgeruch. Ein Atemstoss aus der Pforte zur Hölle und das Aussehen wird zweitrangig. Zu einem dritten Eindruck von intellektueller Einzelligkeit oder einem garstigen Charakter lässt man es lieber nicht mehr kommen.

Aber selbst wer vom Schicksal mit Herausforderungen dieser Liga beglückt wurde, findet auf Facebook Hilfreiches. «Schönheit kommt von innen», oder «Wer Dich nicht nimmt wie Du bist, ist Deiner nicht wert.» Ideal als Seufzer vor dem Spiegel, wenn man zu spät dran ist fürs Make-up. Oder als Schlachtruf für porentief Verzweifelte, die sich selber nicht gefallen. Leider verhallen solche Schlachtrufe schnell. Die Nase lässt sich so wenig gerade lügen wie sich Kalbskutteln mit Kümmel lecker lügen lassen. Genausogut kann man sich den Spiegel im Bad mit einem Blüemli überkleben. Es ist schwer, sich ein Selbstbild 2.0 zu malen, wenn Selbstbild 1.0 eine Kindheit lang von anderen Menschen verpinselt wurde.

Schön und gescheit auf die Welt kommen kann jeder Trottel. Aber ein Leben mit Handicaps zu bewältigen, das traut das Schicksal nur denen zu, die daran zu wachsen vermögen. Vielleicht sollte ich das auf Facebook posten.