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Facebook top, Fasnacht flop

Seibi Jungi Garde am Drummeli 2018.

Tout Bâle zog jüngst seine « drey scheenschte Dääg» ein. Und die Bilanz der Vorfasnachtsveranstaltungen.

Letztere lässt sich im nahezu einhelligen Befund zusammenfassen, das auf den verschiedenen Bühnen gesprochene Wort hätte auch nicht annähernd das Niveau der musikalischen Darbietungen erreicht. Unter dem Titel «Musikalisch top – Rääme flop» warfen die Kritiker den Textern vor, ihre Beiträge seien statt bissig und bitterböse durchschnittlich brav und bieder ausgefallen. Was Fasnachtsexperten nicht wirklich überraschte, sagen sie das doch jedes Jahr und legen bei diesem Verdikt nicht selten den Massstab nostalgischer Verklärung an. Zum Beispiel den Vergleich mit dem «Drummeli» im alten Varieté-Theater Küchlin.

Ältere Semester schwärmen in diesem Zusammenhang nämlich gerne von Rahmestiggli wie die legendäre Balkonszene. Deren satirischer Höhepunkt konnte in einem «bsunders glungene» Jahrgang etwa darin bestehen, dass Lux Dieterle alias Frau Hübsch von der Flohbühne herunter handtäschlischwingend dem Daigler Ambrosius Guggehyyrli im 1. Rang den Unterschied zwischen dem Kopf seiner «Alten» und dem Matchball des FC Basel fragte. «’s git e kein, hösch!», ging die Pointe, «’s isch beides zum Dryygingge!» Worauf ein nicht endenwollender Lachorkan das «Kiechli» erschütterte. Vergleichbar mit jenem im Kleinbasler Volkshaus ein paar Jahre später, als die Häbse in ihrer Glanzrolle als beschränkter Schugger im «Charivari» die Sirene eines Sanitätsautos imitierte, das einen schwulen Coiffeur abtransportiert. «Es hett ’s Dach abdeggt», befand damals nicht nur das zuschauende Volk, sondern auch die Kritik.

Doch auch wenn die schaugespielten Unterbrechungen der Fasnachtsmusik-Paraden früher wirklich den Biss gehabt hätten, den ihnen die Nostalgiker heute andichten, ist es unfair, den Vorfasnachtsautoren unserer Tage Zahn- und Harmlosigkeit vorzuwerfen. Wie die Zeedel-Dichter und Schnitzelbänggler auch, sehen sie sich nämlich mit der Tatsache konfrontiert, dass die Fasnacht ihr vielbeschworenes Privileg als «Ventil der Wut derer da unten auf die da oben» und als «Freipass für Kritik an der Obrigkeit» längst an andere Instanzen hat abtreten müssen.

Wer kann denn noch in einem Rahmenstück oder auf einer Ladäärne Regierungsrat Hans-Peter Wessels eine saftige fasnächtliche Ohrfeige verpassen, die dieser nicht schon unter dem Jahr hunderte Male von den Qualitätsmedien erhalten hat? Wer vermag den küngelhaltenden Geisselpfarrer von Rothenfluh noch ätzend in die Fasnachtspfanne zu hauen, wenn ihn Presse, Funk und Fernsehen schon vorher wochenlang nach allen Regeln der Kunst durch den Gaggo gezogen haben? Und wer soll sich wie die sprichwörtlich alte Fasnacht am ehemaligen Reinacher Gemeindepräsidenten und seinem Asylheim-Sexskandal reiben, wenn jener lange vor der Fasnacht von der Kampagne einer nicht mehr so grossen Basler Zeitung zum Rücktritt und Auswandern gezwungen worden ist?

Was früher den Narren vorbehalten war, nämlich «Den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten», ist also nicht mehr das Vorrecht von Frau Fasnacht, sondern wird heute von bitterbösen Journalistinnen und Journalisten besorgt. Und das Verspritzen von Gift und Galle nehmen ihr die Social Media-Trolle in den Kommentarspalten von Facebook & Co ab. Und zwar nicht nur an den «drey scheenschte Dääg», sondern auch an den 362 «gweenlige».

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