Ich bin seit 35 Jahren verheiratet, wir haben eine 30-jährige Tochter, die uns Freude macht und ihren Weg geht. Mein Mann und ich führen eine Ehe, die sich für beide gut anfühlt. Das war aber nicht immer so. Nach der Geburt unserer Tochter fingen bald die Probleme an. Meine Familiengeschichte mit einem körperlich strafenden, übergriffigen Vater, vor dem ich Angst hatte und dem ich zu gefallen suchte, kam wieder hoch, und einige Jahre stand unsere Ehe auf der Kippe, weil oft in meinem Kopf Mann und Vater verschwammen. Durch langjährige Psycho- und Paartherapie konnten wir uns wieder finden, und jetzt geniessen wir unser stilles Glück. Nun hatte ich vor einigen Wochen eine Zystenoperation im Unterleib und muss mich schonen. Ich fühle mich unnütz und finde mich wieder in alten Mustern der Verzagtheit und der Angst, nicht zu genügen. Fängt jetzt alles wieder von vorne an?

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Nein, von vorne sicher nicht, Sie sind schon einen weiten Weg gegangen. Dennoch gibt es im Leben immer wieder Zeiten und Umstände, in denen sich alte Muster aufs Neue Bahn brechen und sich zu behaupten suchen.

In den vergangenen Jahren haben Sie viel innere Arbeit geleistet, Ihre Familiengeschichte reflektiert und zusammen mit ihrem Mann Themen bearbeitet, die einem erfüllten Zusammenleben im Wege standen. Ihre Tochter wuchs in diesem Umfeld des gemeinsamen Ringens auf. Das stelle ich mir für ein Einzelkind besonders schwer vor. Ich entnehme Ihren Worten aber, dass Ihre Tochter trotz schwieriger Umstände nicht zu einem Problemkind wurde. Das verweist darauf, dass Sie bei aller inneren Problematik eine gute Mutter sein konnten.

Nun mussten Sie sich einer Operation unterziehen, die zwar minimal-invasiv gewesen sein mag, Ihnen aber trotzdem Schonung abverlangt. Und sich zu schonen, scheint für Sie nicht selbstverständlich zu sein. Sie fühlen sich dann unnütz. Klingt da eventuell eines der alten Muster an? Zum Beispiel, sich durch Leistung Anerkennung der Eltern zu sichern? Oder noch stärker: Nur lebenswert zu sein durch Tätigkeit?

Ob solche Muster wieder auftreten, hängt von einigen Faktoren ab. Zuerst einmal zwingt die Ruhigstellung Sie in eine sogenannte Regression, d. h. man gerät in ein psychisches Stadium, das man früher schon einmal durchlaufen hat. Wenn Sie sich also vorher unbewusst durch Ihre produktive Aktivität Ihrer Existenzberechtigung versichert haben, so müssen Sie nun zwangsläufig in Schwierigkeiten kommen. «Darf ich denn überhaupt sein, wenn ich unnütz herumliege?» könnte ein gefühlter Gedanke sein. Da kann ich Ihnen bei Ihrer Reflexionserfahrung nur raten, Worte für Ihren Gefühlszustand zu finden, gegenüber Ihrem Mann oder Ihren Freundinnen, denn Sprache gibt den Wolken Ränder, und Ränder kann man besser begreifen.

Zum andern: Entwicklungen verlaufen selten gradlinig, eher als zyklische Prozesse: Man meint, sich wieder am alten Ort zu befinden, und verkennt, dass man etwas von einer höheren Warte aus wiedererkennt – wie in einer Spirale. Sie sind offenbar noch nicht völlig in Ihrer Mitte angekommen, dort, wo man sich ganz, mit allen Ecken und Kanten annimmt. Das wäre ja auch ein extrem hohes Ziel. Auch so ein Muster?

Sie haben, um bei den Bildern zu bleiben, zwar den Felsen gesprengt, aber es liegt noch einiges an Geröll herum, an dem man sich leicht die Füsse stossen kann. Da heisst es: Aufräumen und immer wieder das, was auf dem Weg liegt, anschauen. Lassen Sie sich nicht verunsichern, bleiben Sie dran!