Vor ein paar Tagen führte ich mit zwei russischen Autoren, die auch journalistisch tätig sind, ein Gespräch über das Thema «Erinnern und Vergessen» in Russland heute.
Dieses Gespräch machte mir bewusst, welch ungeahnten Energien in der Geschichte und in der Zukunft einer Gesellschaft schlummern. Energien, die durch den gezielten Gebrauch von Bildern frei gesetzt werden können.

So zum Beispiel der Sieg der Sowjetunion im Grossen Vaterländischen Krieg, der ganz besonders 2015, im Jahr seines 70-jährigen Jubiläums, auf eine Weise gefeiert wurde, dass ich damals in den Strassen Moskaus den Eindruck erhielt, die eigentliche Errungenschaft sei weniger der Sieg, als vielmehr das sich daran erstärkende nationale Selbstverständnis.

Eine Gesellschaft - wie auch das einzelne Individuum - befindet sich immer unter dem Einfluss der beiden Horizonte des «Woher kommen wir?» und «Wohin gehen wir?». Meist ist ein Horizont besonders erleuchtet, wohingegen sich der andere ins Dunkel verliert.

Das Interessante ist, dass uns diese beiden Zeithorizonte über das Medium der Sprache und des Bildes vermittelt werden, und an diesem Punkt wird es nicht nur spannend, sondern auch beklemmend, denn hier setzt auch jedwede potentielle Manipulation ein.

Während wir glauben, uns als «Augenzeugen der Gegenwart» im Hier und Jetzt noch ein eigenes Urteil bilden zu können – zumindest glauben wir noch, was wir mit eigenen Augen sehen –, so können wir uns Geschichte und Zukunft nur in Form von Überlieferungen und Zukunftsszenarien vergegenwärtigen. Und Überlieferungen und Zukunftsszenarien bieten naturgemäss ein breites Betätigungsfeld für Deutungen, aber eben auch für Umdeutungen und Manipulationen.

Wie die Welt neuerdings an «fake news» leidet – doch vielleicht ist auch dieses «neuerdings» ein fake? – , so hat die Welt schon viele Attacken der «fake history» oder der «fake future» durchstehen müssen und krankt zum Teil noch immer daran. Denken wir nur an die «pseudo-apokalyptischen» Szenarien, mit denen die Kirche über Jahrhunderte hinweg ihre Gläubigen gefügig hielt, oder an die kommunistische Vision des neuen Menschen und überhaupt an die Szenarien, die zugunsten einer hehren Zukunft die weniger hehren Mittel zu ihrer Erreichung heiligen sollten.

Bezeichnenderweise fahren die bekannten literarischen Anti-Utopien – wie z.B. der Roman «1984» von George Orwell – nicht nur grosse Visionen auf (die der heutigen Welt zum Teil erschreckend ähnlich sind, man denke nur an die Endgeräte, über die jeder jederzeit mit dem «Grossen Bruder» verbunden werden kann), sondern zersetzen immer auch systematisch die Erinnerung an die Vergangenheit, indem sie Archive oder Dokumente vernichten oder diese umschreiben.

Auch heute noch sind Vergangenheit und Zukunft diejenigen dynamisierenden Quellen, die ganze Gesellschaften befeuern und begeistern oder umgekehrt lähmen können. Denn die beiden Horizonte der Vergangenheit und Zukunft bilden den Hintergrund, vor dem wir unsere Gegenwart beurteilen und bewerten.

Werden wir deshalb in der Wahrnehmung unserer Geschichte oder unserer Zukunftsmöglichkeiten manipuliert oder beeinträchtigt, so werden wir in erster Linie in unserem Erkennen und Handeln im Hier und Jetzt geschädigt.